Warum so viele kompetente Menschen heimlich an sich zweifeln
Du sitzt in einem Meeting, präsentierst dein Thema – und innerlich denkst du: „Bitte merkt niemand, dass ich eigentlich keine Ahnung habe.“ Äußerlich wirkst du souverän, innerlich hast du Angst, jeden Moment „entlarvt“ zu werden. Willkommen im Imposter-Syndrom.
Dieses Gefühl, ein „Hochstapler“ zu sein, trifft selten die Falschen. Es trifft oft die Engagierten, die Leistungsstarken, die Reflektierten. Also genau die Leute, mit denen ich als Coach am häufigsten arbeite.
In diesem Artikel schauen wir uns an, wie du vom inneren „Ich kann das nicht wirklich“ zu mehr Gelassenheit und echter innerer Souveränität kommst – ohne dich komplett neu erfinden zu müssen.
Was genau ist das Imposter-Syndrom (und was nicht)?
Imposter-Syndrom bedeutet: Du zweifelst systematisch an deinen Fähigkeiten – trotz objektiver Erfolge. Du schreibst gute Ergebnisse eher Glück, Zufall oder „netten Kollegen“ zu, statt deinem eigenen Können.
Typische Gedanken sind zum Beispiel:
- „Wenn die wüssten, wie viel ich eigentlich nicht weiß …“
- „Ich wurde nur genommen, weil niemand Besseres da war.“
- „Dieses Projekt habe ich nur geschafft, weil der Kunde nett war.“
- „Andere sind viel strukturierter/schlauer/strategischer als ich.“
Wichtig: Imposter-Syndrom ist kein offizieller Diagnosename, sondern ein psychologisches Muster. Es ist auch kein Persönlichkeitsmerkmal, das du „einfach hast“. Es ist erlernt – und damit veränderbar.
Was es nicht ist:
- Kein Zeichen, dass du wirklich inkompetent bist.
- Kein Beweis, dass du im falschen Job bist.
- Kein „Luxusproblem“, das man einfach wegmeditieren kann.
Wie sich Imposter-Syndrom im Arbeitsalltag zeigt
Bei meinen Klient:innen tauchen die gleichen Muster immer wieder auf. Vielleicht erkennst du dich in einem (oder mehreren) davon:
- Over-Preparation: Du bereitest Präsentationen so übertrieben gründlich vor, dass du abends keine Energie mehr hast. Du willst jede mögliche Frage antizipieren – sicher ist sicher.
- Perfektionismus: „Wenn es nicht 120 % sind, ist es nichts wert.“ Du feilst an Details, während andere das Thema schon längst abgehakt haben.
- Vermeidung: Du schiebst Projekte vor dir her, die sichtbar machen könnten, was du „nicht kannst“: Bewerbungen, interne Bewerbungen, Führungsaufgaben, Präsentationen.
- Vergleichsfalle: Du vergleichst deine eigenen Zweifel mit der glänzenden Außendarstellung anderer – und verlierst jedes Mal.
- Komplimente neutralisieren: Lob prallt an dir ab: „Ach, das war doch nichts Besonderes.“ Oder: „Ich hatte einfach Glück.“
Diese Muster kosten Energie, Zeit und Aufstiegschancen. Vor allem verhindern sie eines: innere Souveränität.
Innere Souveränität: Was ist das überhaupt?
Innere Souveränität heißt nicht, dass du nie wieder zweifelst. Es heißt auch nicht, dass du plötzlich alles kannst. Es heißt:
- Du kennst deine Stärken und deine Grenzen.
- Du kannst Fehler machen, ohne dich innerlich komplett abzuwerten.
- Du traust dir zu, neue Aufgaben zu übernehmen – trotz Restunsicherheit.
- Du kannst Kritik sortieren, statt sie ungefiltert als „Beweis deiner Unfähigkeit“ zu nehmen.
Innere Souveränität ist kein Talent, sondern ein Set von Fähigkeiten und Routinen. Und die kannst du trainieren – ähnlich wie ein Muskel.
Schritt 1: Dein Imposter-Muster erkennen (ohne dich dafür zu verurteilen)
Bevor du etwas veränderst, musst du es bemerken. Klingt banal, ist aber in der Praxis der entscheidende Schritt.
Eine einfache Übung für die nächsten 7 Tage:
- Schreibe jeden Abend kurz auf: Wann heute hast du dich wie ein „Imposter“ gefühlt?
- Was war der Auslöser? Meeting, Feedback, neue Aufgabe, Konflikt mit einer Führungskraft?
- Was hast du gedacht? Formuliere den genauen Satz: „Ich dachte: …“
- Was hast du dann getan oder vermieden? Geschwiegen, alles selbst gemacht, zu lange vorbereitet, nachträglich gegrübelt?
Du brauchst keine lange Analyse, nur Stichpunkte. Ziel ist: Muster sichtbar machen. Viele meiner Coachees merken nach ein paar Tagen: „Ach krass, es ist gar nicht überall – es triggert vor allem in Situation X mit Person Y.“ Das macht das Ganze direkt handhabbarer.
Schritt 2: Faktencheck statt Mind-Reading
Ein typisches Merkmal des Imposter-Syndroms: Wir lesen Gedanken anderer Menschen – minus Beweise, plus Drama.
Beispiel aus einem Coaching: Eine Klientin erzählte, ihr Geschäftsführer halte sie für inkompetent. Ich habe gefragt: „Woran genau machst du das fest?“ Antwort: „Er hat einmal kritisch nachgefragt.“ Nach ein paar Nachfragen blieb: eine (!) kritische Frage und viele Interpretationen.
Übung für dich, wenn du wieder in solchen Spiralen steckst:
- Schreibe den Gedanken auf: z. B. „Mein Team denkt, ich bin überfordert.“
- Teile ihn in zwei Spalten: „Fakten“ und „Interpretation“.
- In die Faktenspalte gehört nur, was eine neutrale Kamera aufzeichnen könnte: z. B. „Drei Deadlines sind gerissen. Zwei Kolleg:innen haben nachgefragt, ob ich Unterstützung brauche.“
- In die Interpretationsspalte kommt alles andere: „Die denken, ich kann das nicht. Sie bereuen, mich eingestellt zu haben …“
Allein diese Trennung sorgt oft für einen inneren Perspektivwechsel. Du musst deinen Interpretationen nicht glauben – du kannst sie als Hypothesen behandeln, die man prüfen kann.
Schritt 3: Erfolgsbilanz statt Gedankenkarussell
Menschen mit Imposter-Syndrom sammeln Fehler wie Trophäen – und übersehen systematisch ihre Erfolge. Das verzerrt die innere Wahrnehmung.
Ich empfehle fast allen meinen Klient:innen eine „Erfolgsbilanz“ zu führen. Nicht als Ego-Show, sondern als Gegenmittel gegen den inneren Kritiker.
So geht’s:
- Lege ein Dokument an: Notiz-App, Word, Notion – egal, Hauptsache schnell zugänglich.
- Notiere jede Woche 3–5 Dinge, die gut gelaufen sind: Projekte, gelöste Konflikte, gute Entscheidungen, auch kleine Fortschritte.
- Füge kurz hinzu: „Was war mein Anteil daran?“ (Entscheidung, Vorbereitung, Kommunikation, Hartnäckigkeit …)
Wichtig: Es geht nicht darum, dass alles perfekt war. Es geht darum, deinen tatsächlichen Einfluss sichtbar zu machen. Diese Liste ist Gold wert, wenn du in einer Selbstzweifel-Welle oder mitten im jährlichen Mitarbeitergespräch sitzt.
Schritt 4: Deinen inneren Kritiker regulieren – nicht bekämpfen
Der innere Kritiker hat oft eine gut gemeinte Funktion: Er will dich davor schützen, Fehler zu machen, abgelehnt zu werden oder sichtbar zu scheitern. Er übertreibt nur maßlos.
Statt ihn zu „besiegen“, ist es hilfreicher, ihn zu regulieren.
Drei einfache Werkzeuge dafür:
- Benennen: Gib der Stimme einen Namen oder ein Bild („Der innere Perfektionist“, „der nervöse Praktikant in meinem Kopf“). Das schafft Abstand: „Ah, da meldet sich wieder der nervöse Praktikant.“
- Einmal zuhören, dann begrenzen: Schreibe 2 Minuten lang alle Vorwürfe auf, die diese Stimme bringt. Stopp nach 2 Minuten. Dann hake innerlich ab: „Okay, gehört. Jetzt entscheide ich bewusst, wie ich handeln will.“
- Realistische Gegenstimme aktivieren: Frage dich: „Was würde eine wohlwollende, aber ehrliche Kollegin mir jetzt sagen?“ – und schreibe genau diesen Satz dazu.
Das Ganze ist am Anfang ungewohnt, aber mit der Zeit entsteht so eine innere Gesprächskultur, die mehr an ein erwachsenes Teammeeting erinnert als an eine innere Anklagebank.
Schritt 5: Mut in kleinen Dosen – systematisch trainieren
Innere Souveränität entsteht nicht am Schreibtisch, sondern im Alltag – durch kleine Verhaltensänderungen. Mut ist ein Muskel, der Wiederholungen braucht.
Statt dich direkt mit „Ich halte nächstes Jahr eine Keynote vor 500 Leuten“ zu überfordern, arbeite mit Mini-Experimenten:
- Definiere eine kleine, aber spürbar unangenehme Aktion pro Woche: z. B. im Meeting bewusst als Erste:r sprechen, einen eigenen Vorschlag machen, um Feedback bitten, dich für ein Projekt melden, das dich minimal überfordert.
- Setze einen klaren Rahmen: Was genau machst du? Bis wann? In welcher Situation?
- Nach dem Experiment: Schreibe kurz auf: Was ist tatsächlich passiert? Wie fühlte es sich an? Was hast du gelernt?
So gewöhnst du dein Nervensystem langsam daran, sichtbar zu sein – ohne dich permanent in Panik zu versetzen. Viele merken nach ein paar Wochen: „Die Angst ist nicht weg, aber sie steuert nicht mehr alles.“
Schritt 6: Grenzen setzen, um souveräner zu werden
Spannenderweise denken viele: „Wenn ich nur noch mehr leiste, fühle ich mich sicherer.“ In der Praxis passiert oft das Gegenteil: Ohne Grenzen produzierst du Dauerstress – und Stress verstärkt Selbstzweifel.
Innere Souveränität zeigt sich auch darin, wo du stoppst.
Ein paar Ansatzpunkte aus Coachings:
- Arbeitszeit: Feste Stop-Zeiten im Kalender blocken – und sie wie Meetings behandeln.
- Zuständigkeiten: Nicht automatisch alles übernehmen, was liegen bleibt. Nachfragen: „Wer ist verantwortlich?“ und „Was hat Priorität?“
- Kommunikation: Sätze wie „Das kann ich heute nicht mehr unterbringen, ich kann es Ihnen bis Mittwoch liefern.“ üben – am besten vorher einmal laut.
Grenzen sind kein Zeichen von Schwäche, sondern von Selbstachtung. Und Selbstachtung ist die Basis für Souveränität.
Schritt 7: Mit Verbündeten arbeiten statt allein kämpfen
Imposter-Gefühle sind oft mit Scham verbunden – deshalb reden wir nicht darüber. Das ist schade, denn genau dadurch bleibt das Thema im Verborgenen und wirkt stärker.
Du musst daraus kein Gruppentherapie-Projekt machen, aber du kannst dir bewusst Verbündete suchen:
- Eine Person im Job, der du vertraust: Kollegen, Führungskraft, Mentor:in. Teile selektiv, wo du zweifelst – und wo du wachsen willst.
- Mentoring oder Coaching: Gerade bei Karrieresprüngen (erste Führungsrolle, neue Branche, mehr Verantwortung) kann ein externer Blick helfen, Realitätscheck und innere Sortierung parallel zu machen.
- Peer-Austausch: Kleine, regelmäßige Runden (z. B. einmal im Monat), in denen ihr offen über Lernfelder, Fehler und Unsicherheiten sprecht, normalisieren das Thema.
Viele meiner Klient:innen erleben den größten Aha-Moment, wenn sie merken: „Es geht anderen genauso – sogar denen, von denen ich dachte, sie hätten alles im Griff.“
Wie du erkennst, dass du auf dem Weg bist
Innere Souveränität kommt selten als großer Aha-Moment. Sie zeigt sich eher in vielen kleinen Anzeichen. Zum Beispiel:
- Du sagst in Meetings öfter „Ich weiß es (noch) nicht, ich prüfe das“ – ohne dich dafür zu schämen.
- Du kannst Lob annehmen, ohne es sofort wegzuwischen.
- Du bereitest wichtige Dinge noch gründlich vor, aber nicht mehr bis 2 Uhr nachts.
- Du meldest dich für Aufgaben, die dich fordern – nicht erst, wenn du 150 % sicher bist.
- Nach Fehlern denkst du zwar „Ärgerlich“, aber nicht mehr „Ich bin eine Katastrophe“.
Das sind klare Signale: Dein inneres Betriebssystem updatet sich.
Ein Vorschlag für die nächsten 14 Tage
Wenn du das Thema wirklich angehen willst, mach es dir so leicht wie möglich. Kein perfekter Masterplan, sondern ein konkreter, realistischer Start.
Mein Vorschlag:
- Woche 1:
- Starte dein „Imposter-Tagebuch“: jeden Abend 5 Minuten, Auslöser und Gedanken notieren.
- Führe die Fakten-vs.-Interpretation-Übung bei einem typischen Grübelgedanken durch.
- Beginne deine Erfolgsbilanz und trage mindestens 3 konkrete Beispiele ein.
- Woche 2:
- Plane 1–2 Mini-Experimente, bei denen du dich bewusst sichtbar machst.
- Übe einen Satz, der deine Grenze markiert (z. B. zu Arbeitszeit oder Prioritäten) – und setze ihn mindestens einmal ein.
- Sprich mit einer ausgewählten Person offen darüber, dass du an mehr innerer Souveränität arbeitest.
Nach diesen 14 Tagen wirst du nicht „geheilt“ sein – aber du wirst erste Daten, Erfahrungen und Erfolge gesammelt haben. Und genau daraus entsteht langfristig echte innere Sicherheit.
Das Imposter-Syndrom verschwindet nicht durch noch mehr Leistungsdruck, noch mehr Zertifikate oder noch mehr Perfektion. Es wird leiser, wenn du lernst, deine Erfolge realistischer zu sehen, deine Grenzen zu setzen und dich Schritt für Schritt sichtbar zu machen – mit all deinen Stärken und auch mit dem, was du noch lernst.
Innere Souveränität ist kein Zustand, sondern eine Praxis. Und du kannst heute anfangen, sie zu trainieren – im nächsten Meeting, in der nächsten Mail, im nächsten kleinen „Ich trau mich trotzdem“.