Lena Deutsch

New work jenseits von buzzwords: was sich für menschen wirklich verändert und wo die grenzen liegen

New work jenseits von buzzwords: was sich für menschen wirklich verändert und wo die grenzen liegen

New work jenseits von buzzwords: was sich für menschen wirklich verändert und wo die grenzen liegen

„Bei uns gibt es jetzt New Work.“

Wenn dir das jemand sagt – weißt du dann, was das ganz konkret für dich bedeutet? Oder ahnst du schon, dass es eher um neue Möbel, eine zusätzliche App und ein paar englische Jobtitel geht?

In Coachings erlebe ich beides: echte Veränderungen, die Menschen mehr Freiheit, Sinn und Gestaltungsspielraum geben. Und viel Kosmetik, die am Ende nur dazu führt, dass alte Probleme im neuen Design auftauchen.

In diesem Artikel schauen wir uns an: Was verändert New Work für Menschen wirklich – jenseits von Buzzwords? Und wo liegen die Grenzen, über die auch das modernste Arbeitskonzept nicht einfach hinwegzaubert.

Was New Work für Menschen konkret verändern kann

New Work ist kein einheitliches Modell, sondern eher ein Sammelbegriff. Je nach Unternehmen steckt etwas anderes dahinter. Trotzdem sehe ich drei Bereiche, in denen sich für Menschen tatsächlich viel bewegen kann:

Schauen wir uns diese drei Bereiche greifbar an.

Veränderung 1: Arbeit wird flexibler – aber nicht automatisch entspannter

In vielen Organisationen bedeutet New Work vor allem: mehr Flexibilität. Homeoffice, Vertrauensarbeitszeit, asynchrone Kommunikation, digitale Tools.

Für viele meiner Klient:innen ist das erst mal ein Segen:

Gleichzeitig bringt diese Flexibilität neue Herausforderungen mit sich. Ein Beispiel aus einem Coaching:

Anna, Teamleiterin in einem Tech-Unternehmen, durfte plötzlich „überall arbeiten“. Klingt toll. Praktisch sah das so aus:

Ihr Stresslevel stieg – bei gleichzeitigem Eindruck, „eigentlich müsste ich doch dankbar sein für diese Freiheit“.

Was sich hier zeigt: New Work verschiebt Verantwortung. Weg von klaren Regeln („Büro 9–17 Uhr“) hin zu individueller Steuerung. Das kann sehr empowernd sein – wenn man gelernt hat, sich selbst gut zu führen. Ohne diese Fähigkeit wird Flexibilität schnell zur Überforderung.

Frage an dich: Wenn du an deine aktuelle Arbeitssituation denkst – ist Flexibilität für dich eher Ressource oder eher Stressfaktor?

Veränderung 2: Entscheidungen werden verteilter – aber nicht automatisch besser

New Work bringt oft neue Formen der Zusammenarbeit: agile Teams, flachere Hierarchien, mehr Partizipation. Die Idee: Menschen, die nah am Thema sind, entscheiden mit. Schneller, kundennäher, motivierender.

In der Praxis passiert dann Folgendes:

Für viele ist das eine echte Chance: mehr Einfluss, mehr Gestaltung, weniger Micromanagement. Gleichzeitig entsteht an anderer Stelle ein neues Problem: verantwortung ohne klare Grenzen.

Ein Klient von mir, Product Owner in einem Konzern, beschrieb es so:

„Früher war klar: Der Chef entscheidet am Ende. Heute heißt es: ‚Das entscheidet das Team.‘ Praktisch bedeutet das, dass wir lange diskutieren, niemand wirklich zuständig ist – und wenn etwas schiefgeht, war es plötzlich doch meine Verantwortung.“

Partizipation ohne Strukturen führt schnell zu:

New Work braucht deshalb Klarheit: Wer entscheidet was? Wer trägt welche Verantwortung? Wie werden Konflikte gelöst, wenn Interessen auseinandergehen?

Veränderung 3: Sinn rückt nach vorne – und macht Widersprüche sichtbarer

Ein weiterer Kern von New Work: Arbeit soll sinnvoll sein. Unternehmen formulieren Purpose-Statements, sprechen über Werte, Impact und Beitrag zur Gesellschaft.

Das ist nicht nur Marketing. Viele Menschen wollen wirklich verstehen:

Ich erlebe immer wieder, dass Menschen durch diese Fragen klarer werden – und dadurch mutigere Entscheidungen treffen: Jobwechsel, Rollenwechsel, Neuorientierung.

Aber: Je stärker Sinn thematisiert wird, desto deutlicher werden auch die Brüche.

Wenn das Unternehmen nach außen „Nachhaltigkeit und Menschlichkeit“ predigt, intern aber auf Kostenoptimierung, ständige Erreichbarkeit und kurzfristige KPIs setzt, dann spüren Mitarbeitende das. Früher hätte man das als „ist halt so“ abgetan. Heute nennen viele das beim Namen – und ziehen Konsequenzen.

New Work hat so gesehen auch eine Schattenseite für Unternehmen: Es wird schwieriger, Widersprüche zu übertünchen. Für Menschen ist das unbequem – aber langfristig gesund, weil es Klarheit schafft.

Wo die Grenzen von New Work liegen

So hilfreich die Konzepte sind: New Work ist kein Zauberstab. Es gibt Grenzen – organisatorische, persönliche und systemische.

Grenze 1: Strukturen und Geschäftsmodell

Du kannst ein Unternehmen nicht einfach „new workisieren“, wenn die grundlegenden Strukturen dagegen arbeiten. Ein paar typische Spannungsfelder:

Ein modernes Büro, ein „Du“ über alle Ebenen und ein bunter Methodenkoffer ändern nichts daran, wenn der Kern des Geschäfts darauf beruht, Menschen permanent an ihre Grenzen zu bringen.

Frage für dich: Passt das, was dein Unternehmen nach außen zu New Work sagt, zu den tatsächlichen Zielen und Kennzahlen, nach denen intern gesteuert wird?

Grenze 2: Individuelle Lebensrealität

New Work wird oft mit einem Bild verkauft: junge, urbane, hochmobile Menschen mit MacBook im Café. Für viele Lebensrealitäten passt das aber nur begrenzt:

Auch Persönlichkeit spielt eine Rolle. Nicht jede:r will die eigene Arbeit komplett frei gestalten. Für manche ist es entlastend, wenn es Vorgaben gibt, in denen sie ihr Bestes geben können.

Ein Beispiel: Eine Klientin von mir war in einem sehr frei organisierten Start-up tief unglücklich. Sie wollte nicht „selbst entscheiden, wie sie ihre Rolle ausfüllt“, sondern klare Zuständigkeiten, Prozesse und Ansprechpartner:innen. Ihr wurde das als „fehlende Selbstorganisation“ ausgelegt. In einem etablierten Unternehmen mit klaren Strukturen blühte sie dann auf.

New Work ist nicht automatisch „besser“ als „Old Work“ – es ist einfach ein anderes Set an Rahmenbedingungen. Die Frage ist: Passen diese zu dir?

Grenze 3: Menschliche Grunddynamiken

Es gibt einen Punkt, den man bei aller Methodeneuphorie gern vergisst: Menschen bleiben Menschen. Auch in der modernsten Arbeitswelt gelten ein paar Konstanten:

Ich sehe oft Teams, die formell „selbstorganisiert“ arbeiten. Inoffiziell haben sich dann doch wieder informelle Führungspersonen herausgebildet. Das ist nicht per se schlecht – es ist einfach menschlich. Problematisch wird es, wenn man so tut, als wäre das nicht der Fall.

New Work nimmt uns die Aufgabe nicht ab, uns mit Konflikten, Emotionen, Macht und Verletzlichkeit auseinanderzusetzen. Im Gegenteil: Offene Strukturen machen diese Themen sichtbarer.

Was du konkret tun kannst: New Work für dich nutzbar machen

Wie kannst du mit all dem umgehen, wenn du „mittendrin“ bist – als Mitarbeiter:in, ohne alles von oben ändern zu können?

Ein Ansatz, mit dem ich gute Erfahrungen mache: Unterscheide zwischen dem, was du gestalten, dem, was du beeinflussen und dem, was du nur akzeptieren kannst.

Stell dir dazu drei Kreise vor:

Eine kleine Reflexionsübung (gern mit Notizbuch):

1. Innerer Kreis – dein Einfluss ist hoch

2. Mittlerer Kreis – dein Einfluss ist mittel

3. Äußerer Kreis – dein Einfluss ist begrenzt

Diese Klarheit ist oft der erste Schritt, um aus dem diffusen Gefühl „Irgendwas passt hier nicht“ in ein aktives Gestalten zu kommen – auch wenn du natürlich nicht alles ändern kannst.

Wenn du Führungsverantwortung hast

Als Führungskraft sitzt du mitten im Spannungsfeld: Du sollst „New Work ermöglichen“, gleichzeitig alte Ziele erreichen und alte Strukturen bedienen.

Ein paar Leitfragen, die ich mit Führungskräften im Coaching häufig nutze:

Und vielleicht der wichtigste Punkt: Du musst nicht die perfekte „New-Work-Führungskraft“ sein. Es reicht, wenn du transparent bist, lernbereit und bereit, gemeinsam mit deinem Team zu experimentieren – und Dinge auch wieder zu verwerfen, wenn sie nicht funktionieren.

New Work als Einladung – nicht als Pflichtprogramm

New Work ist weder Heilsversprechen noch Bedrohung, sondern vor allem eines: eine Einladung, Arbeit neu zu denken. Flexibler, menschlicher, sinnvoller. Aber auch widersprüchlich, unperfekt und manchmal anstrengend.

Es lohnt sich, zwei Fragen immer wieder für dich zu prüfen:

Wenn du darauf ehrliche Antworten findest, kannst du bewusster entscheiden:

New Work jenseits von Buzzwords bedeutet am Ende genau das: nicht alles mitzumachen, weil es modern klingt, sondern klar zu prüfen, was deinen Arbeitsalltag und dein Leben tatsächlich besser macht.

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