Karriere mit familienverantwortung: individuelle wege statt standard-biografie selbstbewusst gestalten

Karriere mit familienverantwortung: individuelle wege statt standard-biografie selbstbewusst gestalten

Karriere machen und gleichzeitig Verantwortung für Kinder oder pflegebedürftige Angehörige tragen – für viele klingt das immer noch nach „Entweder-oder“. Entweder Vollgas im Job und schlechtes Gewissen zuhause. Oder Teilzeit, Karrierebremse und das Gefühl, „unter Wert“ zu laufen.

Das Problem: Die meisten von uns messen sich an einer Standard-Biografie, die mit ihrem echten Leben wenig zu tun hat. Linear, aufsteigend, lückenlos, immer verfügbar, immer flexibel. Und wenn das nicht passt, ziehen wir leise den Schluss: „Dann bin wohl ich das Problem.“

In diesem Artikel geht es um etwas anderes: Wie du mit Familienverantwortung deine eigene Karrieregestaltung souverän in die Hand nimmst – jenseits des Standard-Lebenslaufs. Mit klaren Fragen, handfesten Modellen und konkreten Schritten, die du sofort angehen kannst.

Das eigentliche Problem: Falscher Maßstab, nicht falsche Entscheidung

In Coachings sehe ich immer wieder denselben inneren Konflikt:

  • „Ich bin in Teilzeit und mache fachlich super viel – aber sobald eine Beförderung im Raum steht, bin ich innerlich raus.“

  • „Mein Chef sagt, ich sei Top-Talent, aber mit meinen Betreuungspflichten könne ich halt nicht ‚richtig‘ Karriere machen.“

  • „Ich habe mich für ein paar Jahre aus der Konzernwelt verabschiedet – und jetzt fühlt sich mein Lebenslauf an wie ein Flickenteppich.“

Der gemeinsame Nenner: Die eigene Biografie wird an einem Ideal gemessen, das aus einer anderen Zeit stammt – oder aus PR-Broschüren.

Typischer Karriere-Mythos:

  • Unbefristet angestellt

  • Vollzeit, möglichst früh Führungsverantwortung

  • Alle 2–4 Jahre ein Karriereschritt nach oben

  • Hohe Verfügbarkeit, hohe Mobilität

  • Familie „läuft mit“ im Hintergrund

Wer einer Person mit Elternzeit, Pflegephasen, Teilzeit oder Projektjobs dieses Schema drüberlegt, wird immer Defizite finden. Das sagt aber nichts über Potenzial, Kompetenz oder Perspektive – nur über den Maßstab.

Der erste Schritt ist daher nicht eine andere Entscheidung, sondern ein anderer Referenzrahmen: weg von der Standard-Biografie, hin zu deinem individuellen Portfolio.

Vier typische Wege – und warum keiner davon „falsch“ ist

Bevor wir in die Gestaltung einsteigen, hilft ein Blick auf Muster, die ich in der Praxis häufig sehe. Nicht als Schubladen, sondern als Orientierung.

  • Karriere mit starker Auslagerung: Vollzeit- oder fast Vollzeit-Job, viel Verantwortung, dafür externe Betreuung (Kita, Ganztagsschule, Haushaltshilfe, Großeltern). Hohe berufliche Entwicklung, aber auch hoher Koordinationsaufwand. Funktioniert gut, wenn dein Job dir Energie gibt und du Unterstützung organisieren kannst.

  • Karriere in Etappen: Phasen mit hoher beruflicher Intensität wechseln sich bewusst mit Phasen ab, in denen Familie oder persönliche Projekte Priorität haben (z.B. Reduktion auf 60 %, Sabbatical, interne Rolle mit weniger Reisetätigkeit). Entscheidend ist die geplante Wellenbewegung statt schlechtes Gewissen in beide Richtungen.

  • Karriere in alternativen Modellen: Jobsharing, Tandem-Führung, Projektarbeit, Beratung auf Honorarbasis, hybride Selbstständigkeit. Nicht die Stundenanzahl steht im Vordergrund, sondern Hebelwirkung und klare Positionierung. Oft unterschätzt, weil es nicht in klassische Org-Charts passt.

  • Karriere mit bewusstem Downsizing: Reduzierung von Verantwortung oder Hierarchieebene, um Kapazitäten für Familie, Gesundheit oder andere Lebensziele frei zu machen. Nicht als „Aufgeben“, sondern als strategische Entscheidung – z.B. Wechsel vom Management zurück in eine starke Fachexpertenrolle.

Die spannende Frage ist nicht: „Welcher Weg ist richtig?“, sondern:

Welcher Weg passt zu deiner aktuellen Lebensphase – und wie kannst du ihn so gestalten, dass er beruflich sinnvoll und innerlich stimmig ist?

Was heißt „Erfolg“ für dich jetzt – nicht in der Theorie?

Solange du am impliziten Erfolgsbild anderer hängst, wirst du deine Entscheidungen immer als Kompromiss erleben. Also: Einmal innerlich Tabula rasa.

Nimm dir 15 Minuten und beantworte schriftlich (nicht nur im Kopf):

  • In fünf Jahren: Woran würde ich merken, dass meine berufliche Situation für mich erfolgreich ist? (Stichworte reichen.)

  • Welche 3–5 Kriterien sind mir nicht verhandelbar? (z.B. bestimmte Gehaltsuntergrenze, freie Nachmittage, fachliche Weiterentwicklung, Sicherheit, Ortsunabhängigkeit)

  • Was wäre für mich ein echtes Erfolgsgefühl in den nächsten 12–18 Monaten – realistisch, aber ambitioniert?

  • Welche familiären Rahmenbedingungen sind in den nächsten 2–3 Jahren absehbar stabil, welche wahrscheinlich veränderlich? (z.B. Einschulung, Pflegebedarfe, Partnerjob)

Viele merken beim Aufschreiben: Mein inneres Erfolgsbild ist deutlich differenzierter als „Führung ja/nein“ oder „Vollzeit/Teilzeit“.

Wenn deine Kriterien klar sind, kannst du Optionen viel nüchterner bewerten. Nicht mehr: „Kann man mit Teilzeit Karriere machen?“, sondern: „Trägt dieses Modell meine 4–5 wichtigsten Kriterien – ja oder nein?“

Von der Standard-Biografie zum Karriere-Portfolio

Ein Bild, das im Coaching gut funktioniert: Stell dir deine berufliche Entwicklung nicht als Leiter vor, sondern als Portfolio. Wie ein Projektportfolio oder ein Investment-Mix.

In deinem Portfolio liegen z.B.:

  • fachliche Kompetenzen (Wissen, Skills, Branchenverständnis)

  • Rollen-Erfahrungen (Projektleitung, Teamführung, Schnittstellen-Management)

  • Arbeitsformen (Angestellt, Selbstständig, Projektarbeit, Ehrenamt)

  • Meta-Skills (Resilienz, Priorisierung, Stakeholder-Management, Change-Erfahrung – häufig genau durch Familienverantwortung geschärft)

  • Netzwerk und Reputation (intern, extern)

Wenn du mit Familie zwischendurch beruflich „vom Gas gehst“, heißt das nicht, dass dein Portfolio stehen bleibt. Es verändert sich. Du investierst vielleicht weniger in Hierarchiestufen, dafür mehr in eine Expertise oder in bestimmte Meta-Skills.

Hilfreiche Fragen zur Portfolio-Sicht:

  • Was habe ich in den letzten 3–5 Jahren gelernt, das in meinem Jobumfeld wertvoll ist – auch wenn es nicht als Titel auf der Visitenkarte steht?

  • Welche Erfahrungen aus meiner Familienverantwortung sind beruflich nutzbar? (z.B. Koordination komplexer Termine, Krisenkommunikation, Verhandlung mit starken Persönlichkeiten im Miniformat)

  • Wo möchte ich mein Portfolio in den nächsten 2–3 Jahren bewusst ausbauen? (z.B. digitale Skills, Führungserfahrung, Branchenwechsel)

Ein Portfolio zu gestalten, ist oft leiser als „Karriere machen“ – aber strategischer.

Drei praktische Modelle, um deinen Weg zu planen

Damit es nicht beim Nachdenken bleibt, hier drei einfache Modelle, die du direkt anwenden kannst.

Modell 1: Karriere in Saisons statt fürs Leben

Anstatt „Wie will ich immer arbeiten?“ zu fragen, denke in Saisons von 18–36 Monaten.

Formuliere für deine nächste Saison:

  • Fokus-Funktion: Was ist in dieser Saison Vorrang? (z.B. „Berufsaufbau nach Elternzeit“, „Stabilität und Gesundheit sichern“, „Sprung auf Senior-Level“, „Studium oder Weiterbildung parallel zum Job“)

  • Arbeitsvolumen: Wieviel reale Kapazität habe ich – nicht nur vertraglich, sondern mit Familie? (z.B. 80 % mit klaren Grenzen, 60 % mit hoher Konzentration, 100 % plus Unterstützung zuhause)

  • Entwicklungshebel: An welcher 1–2 Stellen will ich wachsen? (z.B. ein großes Projekt leiten, eine Zertifizierung erwerben, intern sichtbarer werden)

Wichtig: Eine Saison ist bewusst gewählt und hat ein Ablaufdatum. Du darfst danach neu entscheiden. Das nimmt Druck aus Sätzen wie „Wenn ich jetzt reduziere, ist meine Karriere für immer vorbei“.

Modell 2: Karriere-Sprints statt Dauer-Überforderung

Viele versuchen, Familie und Karriere mit einem Dauer-„Rennen auf Sicht“ zu verbinden. Effekt: permanente Überlastung, aber wenig spürbare Fortschritte.

Besser: Plane 2–3 fokussierte Karriere-Sprints pro Jahr à 6–8 Wochen. In dieser Zeit hat ein Thema Priorität, z.B.:

  • ein interner Rollenwechsel vorbereiten

  • ein wichtiges Projekt sichtbar zum Abschluss bringen

  • systematisch an deinem Netzwerk arbeiten (z.B. 10 relevante Gespräche)

  • eine Weiterbildung durchziehen

Ein Sprint heißt nicht: 60-Stunden-Wochen. Er heißt: klare Fokussierung.

Leitfragen für deinen nächsten Sprint:

  • Welcher eine Schritt würde meine berufliche Position in den nächsten Monaten merklich verbessern?

  • Was lasse ich in dieser Zeit bewusst liegen oder auf „Pflegelevel“ laufen?

  • Welche Unterstützung brauche ich (privat / beruflich), um diesen Sprint nachhaltig zu schaffen?

Modell 3: Rollen-Canvas mit Partner & Arbeitgeber

Ein häufiger Stolperstein ist, dass Erwartungen unausgesprochen bleiben: Der Arbeitgeber rechnet mit „heimlicher Vollzeit“, die Partnerin mit gleichberechtigter Care-Arbeit, und du versuchst, beidem allein gerecht zu werden.

Hilfreich ist ein simples Rollen-Canvas. Drei Spalten, drei Gespräche.

  • Spalte 1 – Job: Welche Aufgaben und Verantwortungen habe ich faktisch? Was davon ist nicht verhandelbar, was theoretisch gestaltbar (Ort, Zeit, Vertretung, Automatisierung)?

  • Spalte 2 – Familie: Welche Aufgaben fallen regelmäßig an (Kinder, Pflege, Haushalt, Mental Load)? Wer übernimmt was – real, nicht ideal?

  • Spalte 3 – Ich: Welche eigenen Bedürfnisse brauche ich mindestens erfüllt, um nicht auszubrennen? (Schlaf, Sport, Ruhezeiten, soziale Kontakte, Weiterbildung)

Allein diese Klarheit verändert oft schon Entscheidungen. Daraus lässt sich dann mit Partner:in und ggf. Arbeitgeber ein konkreter Anpassungsplan ableiten: andere Arbeitszeiten, Jobsharing, Homeoffice-Tage, externe Unterstützung, Rotationsmodelle.

Wie du mit Arbeitgeber:innen sprichst, ohne dich kleinzumachen

Einer der größten Hebel liegt in der Art, wie du deine Familienverantwortung im Job thematisierst. Viele gehen mit einer Entschuldigungshaltung hinein. Versuch es stattdessen mit einer professionellen Verhandlungshaltung.

Drei Prinzipien:

  • Transparenz mit Struktur statt Rechtfertigung: „Das sind meine Rahmenbedingungen in den nächsten 12 Monaten, das sind meine verfügbaren Zeitfenster, so kann ich am besten Wert beitragen.“

  • Wertangebot klar machen: „In dieser Zeit kann ich für Bereich X Verantwortung übernehmen, Ziel Y voranbringen und meine Expertise in Z einbringen.“

  • Konkret verhandeln statt vage bitten: „Ich schlage vor: 80 %, verteilt auf vier Tage, mit einem klar definierten Verantwortungsbereich und Vertretungsregelung. In sechs Monaten machen wir einen Review.“

Ein möglicher Gesprächsstart:

„Mir ist wichtig, meinen Beitrag hier so zu gestalten, dass er sowohl für das Team als auch für meine familiäre Situation langfristig tragfähig ist. Ich habe mir Gedanken gemacht, wie das konkret aussehen kann, und würde das gern mit Ihnen durchgehen.“

Damit wechselst du vom Bittsteller-Modus in den Gestaltungsmodus. Du bietest Lösungen an, statt nur Probleme zu schildern.

Innerer Gamechanger: Schuldgefühle und Vergleichsschleifen stoppen

Fast jede Person mit Familienverantwortung kennt zwei Dauerbegleiter: Schuldgefühle und Vergleiche.

  • Schuld, weil man im Job früher geht.

  • Schuld, weil man beim Kita-Abholen als Letzte erscheint.

  • Vergleich mit Kolleg:innen ohne Kinder („Die schaffen so viel mehr…“).

  • Vergleich mit Eltern aus Social Media, die scheinbar alles locker im Griff haben.

Du wirst diese Gefühle nicht per Mindset-Spruch abschalten. Aber du kannst sie professionell behandeln.

Ein kleiner innerer Framework, den ich oft nutze:

  • Faktencheck: Was ist tatsächlich passiert – und was interpretiere ich hinein? (Beispiel: „Ich bin einmal in dieser Woche um 16 Uhr gegangen“ vs. „Ich bin nie da, wenn es brenzlig wird.“)

  • Eigene Vereinbarungen prüfen: Verletze ich eine klare Vereinbarung? Wenn ja, was kann ich anpassen? Wenn nein: Ist mein schlechtes Gewissen eher ein altes Muster als aktueller Anlass?

  • Vergleich bewusst begrenzen: Mit wem vergleiche ich mich – und ist diese Person in einer ähnlichen Lebenssituation? Wenn nein: Vergleich stoppen, Faktenfokus zurück.

Manchmal hilft auch ein sehr pragmatischer Satz, den du dir innerlich sagen kannst:

„Ich treffe gerade eine Prioritätsentscheidung auf Basis meiner Werte. Das fühlt sich vielleicht unbequem an, ist aber kein moralischer Fehltritt.“

Wenn der Lebenslauf „ungewöhnlich“ aussieht – strategisch erzählen statt verstecken

Vielleicht hast du schon Phasen im Lebenslauf, die nicht in die Standard-Erzählung passen: längere Elternzeit, Pflegezeit, mehrere Teilzeitjobs, Selbstständigkeit plus Anstellung.

Der Schlüssel ist, diese Phasen narrativ klar zu rahmen, statt sie zu entschuldigen.

Fragen zur Vorbereitung (z.B. fürs nächste Bewerbungsgespräch):

  • Was war in dieser Phase meine Hauptverantwortung (beruflich oder familiär)?

  • Welche Kompetenzen habe ich dabei genutzt oder aufgebaut?

  • Was nehme ich aus dieser Zeit mit, von dem ein zukünftiger Arbeitgeber profitieren kann?

Ein Satz wie „Ich war halt eine Zeitlang raus wegen der Kinder“ lädt zu Defizit-Denken ein. Ein anderer Frame wäre:

„In dieser Phase habe ich beruflich reduziert, um Familienverantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig habe ich mich fachlich in X weitergebildet und habe gelernt, unter hoher Komplexität sehr klar zu priorisieren. Das merke ich heute in meiner Art, Projekte zu steuern.“

Das ist keine Schönfärberei, sondern eine vollständige Beschreibung der Realität.

Ein kleiner Realitätscheck zum Abschluss – und drei konkrete nächste Schritte

Kein Artikel wird die strukturellen Probleme rund um Care-Arbeit, Karrierepfade und Arbeitgeber-Erwartungen wegzaubern. Es gibt reale Hürden, unfaire Rahmenbedingungen und blinde Flecken in vielen Organisationen.

Aber innerhalb dieser Rahmen hast du mehr Gestaltungsspielraum, als es sich oft anfühlt – wenn du

  • deine eigenen Erfolgsparameter kennst,

  • deine Karriere als Portfolio und in Saisons denkst und

  • bewusst verhandelst statt dich still anzupassen.

Wenn du aus diesem Text nur drei Dinge mitnimmst, lass es diese sein:

  • Definiere deine nächste Saison. Schreib dir auf einer Seite auf: Fokus, Arbeitsvolumen, 1–2 Entwicklungshebel für die nächsten 18–24 Monate. Häng diese Seite dahin, wo du sie regelmäßig siehst.

  • Mach einen Rollen-Check mit deiner engsten Bezugsperson. Partner:in, Co-Elternteil, erwachsene Geschwister – wer immer mit dir Care-Arbeit teilt. Klärt einmal schwarz auf weiß, wer was trägt und ob das zur aktuellen Saison passt.

  • Plane einen Karriere-Sprint. Wähle ein berufliches Thema, das in den nächsten 6–8 Wochen Vorrang hat, und plane konkret: Zeitfenster, Ressourcen, Unterstützer:innen. Klein anfangen ist erlaubt, Nichtstun nicht.

Standard-Biografien funktionieren für Standard-Lebensrealitäten. Deine Realität ist wahrscheinlich komplexer – und das ist kein Makel, sondern ein Gestaltungsauftrag.

Und wenn du beim Sortieren deiner Optionen merkst, dass du allein im eigenen Kopf nur im Kreis läufst: Genau dafür gibt es Coaching. Nicht, um dir zu sagen, welchen Weg du gehen „sollst“, sondern um deinen eigenen so klar zu machen, dass du ihn selbstbewusst vertreten kannst – gegenüber dir selbst, deiner Familie und deinem Arbeitgeber.