Lena Deutsch

Karriere mit familienverantwortung: individuelle wege statt standard-biografie selbstbewusst gestalten

Karriere mit familienverantwortung: individuelle wege statt standard-biografie selbstbewusst gestalten

Karriere mit familienverantwortung: individuelle wege statt standard-biografie selbstbewusst gestalten

Karriere machen und gleichzeitig Verantwortung für Kinder oder pflegebedürftige Angehörige tragen – für viele klingt das immer noch nach „Entweder-oder“. Entweder Vollgas im Job und schlechtes Gewissen zuhause. Oder Teilzeit, Karrierebremse und das Gefühl, „unter Wert“ zu laufen.

Das Problem: Die meisten von uns messen sich an einer Standard-Biografie, die mit ihrem echten Leben wenig zu tun hat. Linear, aufsteigend, lückenlos, immer verfügbar, immer flexibel. Und wenn das nicht passt, ziehen wir leise den Schluss: „Dann bin wohl ich das Problem.“

In diesem Artikel geht es um etwas anderes: Wie du mit Familienverantwortung deine eigene Karrieregestaltung souverän in die Hand nimmst – jenseits des Standard-Lebenslaufs. Mit klaren Fragen, handfesten Modellen und konkreten Schritten, die du sofort angehen kannst.

Das eigentliche Problem: Falscher Maßstab, nicht falsche Entscheidung

In Coachings sehe ich immer wieder denselben inneren Konflikt:

Der gemeinsame Nenner: Die eigene Biografie wird an einem Ideal gemessen, das aus einer anderen Zeit stammt – oder aus PR-Broschüren.

Typischer Karriere-Mythos:

Wer einer Person mit Elternzeit, Pflegephasen, Teilzeit oder Projektjobs dieses Schema drüberlegt, wird immer Defizite finden. Das sagt aber nichts über Potenzial, Kompetenz oder Perspektive – nur über den Maßstab.

Der erste Schritt ist daher nicht eine andere Entscheidung, sondern ein anderer Referenzrahmen: weg von der Standard-Biografie, hin zu deinem individuellen Portfolio.

Vier typische Wege – und warum keiner davon „falsch“ ist

Bevor wir in die Gestaltung einsteigen, hilft ein Blick auf Muster, die ich in der Praxis häufig sehe. Nicht als Schubladen, sondern als Orientierung.

Die spannende Frage ist nicht: „Welcher Weg ist richtig?“, sondern:

Welcher Weg passt zu deiner aktuellen Lebensphase – und wie kannst du ihn so gestalten, dass er beruflich sinnvoll und innerlich stimmig ist?

Was heißt „Erfolg“ für dich jetzt – nicht in der Theorie?

Solange du am impliziten Erfolgsbild anderer hängst, wirst du deine Entscheidungen immer als Kompromiss erleben. Also: Einmal innerlich Tabula rasa.

Nimm dir 15 Minuten und beantworte schriftlich (nicht nur im Kopf):

Viele merken beim Aufschreiben: Mein inneres Erfolgsbild ist deutlich differenzierter als „Führung ja/nein“ oder „Vollzeit/Teilzeit“.

Wenn deine Kriterien klar sind, kannst du Optionen viel nüchterner bewerten. Nicht mehr: „Kann man mit Teilzeit Karriere machen?“, sondern: „Trägt dieses Modell meine 4–5 wichtigsten Kriterien – ja oder nein?“

Von der Standard-Biografie zum Karriere-Portfolio

Ein Bild, das im Coaching gut funktioniert: Stell dir deine berufliche Entwicklung nicht als Leiter vor, sondern als Portfolio. Wie ein Projektportfolio oder ein Investment-Mix.

In deinem Portfolio liegen z.B.:

Wenn du mit Familie zwischendurch beruflich „vom Gas gehst“, heißt das nicht, dass dein Portfolio stehen bleibt. Es verändert sich. Du investierst vielleicht weniger in Hierarchiestufen, dafür mehr in eine Expertise oder in bestimmte Meta-Skills.

Hilfreiche Fragen zur Portfolio-Sicht:

Ein Portfolio zu gestalten, ist oft leiser als „Karriere machen“ – aber strategischer.

Drei praktische Modelle, um deinen Weg zu planen

Damit es nicht beim Nachdenken bleibt, hier drei einfache Modelle, die du direkt anwenden kannst.

Modell 1: Karriere in Saisons statt fürs Leben

Anstatt „Wie will ich immer arbeiten?“ zu fragen, denke in Saisons von 18–36 Monaten.

Formuliere für deine nächste Saison:

Wichtig: Eine Saison ist bewusst gewählt und hat ein Ablaufdatum. Du darfst danach neu entscheiden. Das nimmt Druck aus Sätzen wie „Wenn ich jetzt reduziere, ist meine Karriere für immer vorbei“.

Modell 2: Karriere-Sprints statt Dauer-Überforderung

Viele versuchen, Familie und Karriere mit einem Dauer-„Rennen auf Sicht“ zu verbinden. Effekt: permanente Überlastung, aber wenig spürbare Fortschritte.

Besser: Plane 2–3 fokussierte Karriere-Sprints pro Jahr à 6–8 Wochen. In dieser Zeit hat ein Thema Priorität, z.B.:

Ein Sprint heißt nicht: 60-Stunden-Wochen. Er heißt: klare Fokussierung.

Leitfragen für deinen nächsten Sprint:

Modell 3: Rollen-Canvas mit Partner & Arbeitgeber

Ein häufiger Stolperstein ist, dass Erwartungen unausgesprochen bleiben: Der Arbeitgeber rechnet mit „heimlicher Vollzeit“, die Partnerin mit gleichberechtigter Care-Arbeit, und du versuchst, beidem allein gerecht zu werden.

Hilfreich ist ein simples Rollen-Canvas. Drei Spalten, drei Gespräche.

Allein diese Klarheit verändert oft schon Entscheidungen. Daraus lässt sich dann mit Partner:in und ggf. Arbeitgeber ein konkreter Anpassungsplan ableiten: andere Arbeitszeiten, Jobsharing, Homeoffice-Tage, externe Unterstützung, Rotationsmodelle.

Wie du mit Arbeitgeber:innen sprichst, ohne dich kleinzumachen

Einer der größten Hebel liegt in der Art, wie du deine Familienverantwortung im Job thematisierst. Viele gehen mit einer Entschuldigungshaltung hinein. Versuch es stattdessen mit einer professionellen Verhandlungshaltung.

Drei Prinzipien:

Ein möglicher Gesprächsstart:

„Mir ist wichtig, meinen Beitrag hier so zu gestalten, dass er sowohl für das Team als auch für meine familiäre Situation langfristig tragfähig ist. Ich habe mir Gedanken gemacht, wie das konkret aussehen kann, und würde das gern mit Ihnen durchgehen.“

Damit wechselst du vom Bittsteller-Modus in den Gestaltungsmodus. Du bietest Lösungen an, statt nur Probleme zu schildern.

Innerer Gamechanger: Schuldgefühle und Vergleichsschleifen stoppen

Fast jede Person mit Familienverantwortung kennt zwei Dauerbegleiter: Schuldgefühle und Vergleiche.

Du wirst diese Gefühle nicht per Mindset-Spruch abschalten. Aber du kannst sie professionell behandeln.

Ein kleiner innerer Framework, den ich oft nutze:

Manchmal hilft auch ein sehr pragmatischer Satz, den du dir innerlich sagen kannst:

„Ich treffe gerade eine Prioritätsentscheidung auf Basis meiner Werte. Das fühlt sich vielleicht unbequem an, ist aber kein moralischer Fehltritt.“

Wenn der Lebenslauf „ungewöhnlich“ aussieht – strategisch erzählen statt verstecken

Vielleicht hast du schon Phasen im Lebenslauf, die nicht in die Standard-Erzählung passen: längere Elternzeit, Pflegezeit, mehrere Teilzeitjobs, Selbstständigkeit plus Anstellung.

Der Schlüssel ist, diese Phasen narrativ klar zu rahmen, statt sie zu entschuldigen.

Fragen zur Vorbereitung (z.B. fürs nächste Bewerbungsgespräch):

Ein Satz wie „Ich war halt eine Zeitlang raus wegen der Kinder“ lädt zu Defizit-Denken ein. Ein anderer Frame wäre:

„In dieser Phase habe ich beruflich reduziert, um Familienverantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig habe ich mich fachlich in X weitergebildet und habe gelernt, unter hoher Komplexität sehr klar zu priorisieren. Das merke ich heute in meiner Art, Projekte zu steuern.“

Das ist keine Schönfärberei, sondern eine vollständige Beschreibung der Realität.

Ein kleiner Realitätscheck zum Abschluss – und drei konkrete nächste Schritte

Kein Artikel wird die strukturellen Probleme rund um Care-Arbeit, Karrierepfade und Arbeitgeber-Erwartungen wegzaubern. Es gibt reale Hürden, unfaire Rahmenbedingungen und blinde Flecken in vielen Organisationen.

Aber innerhalb dieser Rahmen hast du mehr Gestaltungsspielraum, als es sich oft anfühlt – wenn du

Wenn du aus diesem Text nur drei Dinge mitnimmst, lass es diese sein:

Standard-Biografien funktionieren für Standard-Lebensrealitäten. Deine Realität ist wahrscheinlich komplexer – und das ist kein Makel, sondern ein Gestaltungsauftrag.

Und wenn du beim Sortieren deiner Optionen merkst, dass du allein im eigenen Kopf nur im Kreis läufst: Genau dafür gibt es Coaching. Nicht, um dir zu sagen, welchen Weg du gehen „sollst“, sondern um deinen eigenen so klar zu machen, dass du ihn selbstbewusst vertreten kannst – gegenüber dir selbst, deiner Familie und deinem Arbeitgeber.

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