Karriere jenseits der linearen laufbahn: portfolio-karrieren erkunden und mutig kombinieren

Karriere jenseits der linearen laufbahn: portfolio-karrieren erkunden und mutig kombinieren

Warum die lineare Karriere immer weniger passt

Lebenslauf: Studium, Trainee, Junior, Senior, Teamlead, Bereichsleitung. Klingt vertraut? Und für viele klingt es auch immer noch nach „so muss das sein“.

Gleichzeitig erlebe ich im Coaching immer häufiger etwas anderes: Menschen, die sagen „Ich will nicht noch eine Stufe auf dieser Leiter. Ich will mehrere Dinge gleichzeitig. Und ich will nicht jedes Mal wieder bei null anfangen.“

Wenn du dich da wiederfindest, bist du ziemlich sicher ein Fall für eine Portfolio-Karriere – ob du das Wort bisher kanntest oder nicht.

Was ist eine Portfolio-Karriere überhaupt?

Ganz einfach gesagt: Bei einer Portfolio-Karriere setzt du nicht auf eine Rolle oder eine klassische Vollzeitstelle, sondern auf mehrere berufliche „Bausteine“, die zusammen dein Berufsleben ausmachen.

Typische Bestandteile können sein:

  • eine Teilzeitstelle mit stabilen Rahmenbedingungen

  • freiberufliche Projekte in einem Spezialgebiet

  • eine eigene kleine Selbstständigkeit (z.B. Online-Kurse, Beratung, Kreativ-Business)

  • ehrenamtliches Engagement mit hoher persönlicher Bedeutung

  • Lehre, Workshops, Vorträge

  • temporäre Projekte (z.B. ein Buch schreiben, ein Produkt entwickeln)

Wichtig: Es geht nicht darum, möglichst viele Jobs zu jonglieren. Es geht darum, ein bewusst gestaltetes „Portfolio“ aus Tätigkeiten aufzubauen, das zusammenpasst – finanziell, zeitlich und von deiner Energie her.

Warum sich immer mehr Menschen für Portfolio-Karrieren interessieren

Die Gründe, die ich in Coachings immer wieder höre:

  • Breite Interessen: „Ich bin nicht nur Marketing. Ich bin auch Trainerin, Moderatorin, Texterin.“

  • Wunsch nach Stabilität und Freiheit: „100 % Selbstständigkeit ist mir zu riskant. 100 % Festanstellung ist mir zu eng.“

  • Mehr Sinn: „In meinem Job verdiene ich gut, aber Sinn finde ich eher im Ehrenamt oder in eigenen Projekten.“

  • Autonomie über Zeit und Energie: „Ich will selbst steuern, wann ich intensiver arbeite und wann ich runterfahre.“

  • Risikostreuung: „Wenn eine Säule wegbricht, steht nicht gleich die gesamte Existenz wackelig.“

Und ja: Auch Unternehmen verändern sich. Befristete Verträge, Projektarbeit, Freelancing, New-Work-Experimente – die Realität ist längst nicht mehr so linear wie viele Organigramme suggerieren.

Was eine Portfolio-Karriere nicht ist

Vielleicht denkst du gerade: „Klingt nach chaotisch, nach ‚nie richtig bei einer Sache bleiben‘.“ Das muss es nicht sein. Ein paar Missverständnisse räume ich direkt aus:

  • Kein „Plan B–Flickenteppich“: Eine Portfolio-Karriere ist nicht „ich nehme halt alles, was reinkommt“. Sondern: bewusst ausgewählte Bausteine mit einer Strategie dahinter.

  • Kein Ausweg für „Unentschlossene“: Viele Portfolio-Karrieren sind extrem fokussiert – aber eben auf ein Feld mit verschiedenen Rollen (z.B. HR-Expertin + Coach + Dozentin).

  • Kein ewiges Praktikum: Du kannst auch als erfahrene Führungskraft eine Portfolio-Karriere starten. Es geht nicht darum, immer Anfänger:in zu bleiben.

  • Keine romantische „Ich kündige und dann schaue ich mal“-Story: Portfolio-Karrieren funktionieren gut, wenn sie geplant, getestet und finanziell durchdacht sind.

Drei Praxis-Beispiele aus meinem Coaching-Alltag

Damit das Ganze greifbarer wird, drei echte (anonymisierte) Fälle:

Fall 1: Die Projektmanagerin mit dem „Nebenbei-Business“

Sie arbeitete 80 % in einem Konzern als Senior-Projektmanagerin. Parallel hatte sie angefangen, agile Methoden in kleinen Unternehmen zu coachen – zunächst in ihrer Freizeit.

Was wir gemacht haben:

  • Stunden im Konzern schrittweise auf 60 % reduziert

  • ihr Angebot als Agile Coach klar definiert

  • eine Jahresplanung für Umsatzziele aus Coaching und Trainings erstellt

  • bewusst freie „Projektmonate“ eingeplant, in denen sie keine neuen Konzern-Projekte annimmt

Nach einem Jahr bestand ihre Arbeit aus: 60 % Konzern, 30 % Coaching/Trainings, 10 % Lehrtätigkeit an einer Hochschule.

Fall 2: Der ITler zwischen Anstellung und Selbstständigkeit

Ein erfahrener Entwickler wollte nicht mehr Vollzeit in einer Firma hängen, aber auch nicht als Einzelkämpfer auf Projektplattformen landen.

Sein Portfolio heute:

  • 50 % Festanstellung in einem Mittelstandsunternehmen

  • 30 % freiberufliche Projekte mit zwei festen Stammkunden

  • 20 % Aufbau eines eigenen SaaS-Produkts (ohne Umsatzdruck, aber mit klarem Zeitbudget)

Wichtigster Hebel war hier: saubere vertragliche Klärung mit dem Arbeitgeber zu Nebentätigkeit und geistigem Eigentum.

Fall 3: Die Expertin, die sich breiter aufstellt

Eine erfahrene Kommunikationsleiterin wollte aus dem Vollzeit-Hamsterrad raus, aber ihre Expertise nicht „wegwerfen“.

Nach einer Analyse ihrer Stärken und Marktchancen entstand dieses Setup:

  • 2 Tage/Woche: Kommunikationsberatung für ein Start-up (freiberuflich, aber langfristig angelegt)

  • 2 Tage/Woche: Schreiben von Fachartikeln, Ghostwriting für Führungskräfte

  • 1 Tag/Woche: Workshops zu Krisenkommunikation, offen ausgeschrieben

Ihre Gesamtarbeitszeit blieb ähnlich hoch, aber die gefühlte Autonomie und Zufriedenheit lagen plötzlich woanders – statt nur einen Arbeitgeber zufriedenstellen zu müssen, gestaltete sie ihr eigenes „Mini-Unternehmen“.

Ist eine Portfolio-Karriere etwas für dich? Drei Leitfragen

Bevor du gedanklich schon kündigst: Portfolio klingt spannend, ist aber nicht für jede Lebensphase und jede Persönlichkeit ideal. Diese Fragen helfen dir bei der Einschätzung:

1. Wie hoch ist dein Bedürfnis nach Sicherheit?

Eine Portfolio-Karriere kann Sicherheit sogar erhöhen (mehrere Einkommensquellen), fühlt sich aber kurzfristig oft unsicherer an, weil mehr Entscheidungen bei dir liegen.

Geh ruhig ehrlich auf einer Skala von 1–10 durch (1 = „Mir ist Sicherheit egal“, 10 = „Ich brauche maximale Planbarkeit“). Bei 8–10 ist ein behutsamer Einstieg über Teilzeit + Side-Business oft sinnvoller als ein radikaler Schnitt.

2. Wie gut kannst du dich selbst strukturieren?

Mehr Rollen bedeuten mehr Koordination. Wenn du schon mit einer 40-Stunden-Stelle chaotische To-do-Listen hast, ist das kein K.O.-Kriterium – aber ein klares Signal, dass du zuerst an deinem Selbstmanagement arbeiten solltest.

3. Wie reagierst du auf Unsicherheit und Leerlauf?

Zwischenprojektszeiten gehören dazu. Manche Menschen genießen das („Endlich Luft zum Denken“), andere geraten sofort in Panik („Nie wieder kommt ein Auftrag“). Kenne deine Muster – dann kannst du passende Strukturen einbauen (z.B. Finanzpuffer, Vertriebsroutinen).

Dein Portfolio entwerfen: Das 3-Säulen-Modell

Ein einfaches Framework, mit dem ich häufig arbeite, ist das 3-Säulen-Modell. Stell dir dein Berufsleben als Haus vor. Die Frage lautet: Worauf steht es stabil?

Säule 1: Stabilität

Das ist der Teil deines Portfolios, der für finanzielle und strukturelle Sicherheit sorgt.

  • typisch: Teilzeit-Festanstellung, langfristige Rahmenverträge, wiederkehrende Stammkunden

  • Frage: Wie viel Einkommen muss von hier kommen, damit du ruhig schlafen kannst?

Säule 2: Wachstum & Positionierung

Hier entwickelst du dich fachlich weiter, baust Expertise aus und erhöhst deine Sichtbarkeit.

  • typisch: anspruchsvolle Projekte, Weiterbildungen, Lehre, Publikationen, Speaking

  • Frage: Wofür möchtest du in 3–5 Jahren bekannt sein?

Säule 3: Exploration & Experimente

Diese Säule ist der Spielplatz. Hier testest du neue Ideen mit kleinem Risiko.

  • typisch: Side-Projekte, Ehrenamt, neue Angebote, Beta-Produkte, andere Branchen

  • Frage: Welche Idee hast du seit Jahren im Kopf, die du noch nie ausprobiert hast?

Deine Aufgabe ist nicht, alles gleichzeitig auf 100 % zu bringen. Sondern: eine Mischung zu finden, die zu deiner Lebensphase passt. Mit Kleinkind zuhause sieht das anders aus als mit leerem Nest und Rücklagen auf dem Konto.

Von der Idee zur Realität: 5 Schritte zur Portfolio-Karriere

Schritt 1: Bestandsaufnahme machen

Nimm dir 30–45 Minuten und beantworte schriftlich:

  • Womit verdiene ich aktuell mein Geld (prozentual)?

  • Wieviel Zeit und Energie kostet jede Aktivität (realistisch!)?

  • Was gibt mir Energie, was raubt mir Energie?

  • Welche Tätigkeiten würde ich morgen streichen, wenn Geld keine Rolle spielen würde?

  • Welche Tätigkeiten würde ich ausbauen?

Das ist dein Ist-Zustand. Ohne den ist jede Portfolio-Planung nur Wunschdenken.

Schritt 2: Dein Ziel-Portfolio skizzieren

Jetzt darfst du kurz groß denken. Stell dir vor, ein Jahr ist vergangen und du hast dein erstes funktionierendes Portfolio aufgebaut. Wie sieht es aus?

  • Wie viele Tage pro Woche arbeitest du in welcher Rolle?

  • Welche prozentuale Umsatzverteilung hättest du gerne (z.B. 50 % Anstellung, 30 % Projekte, 20 % Experimente)?

  • Wie soll sich dein Alltag anfühlen (mehr Abwechslung, mehr Tiefe, mehr Autonomie)?

Schreib es konkret auf, ruhig als kurze „So sieht mein Arbeitsleben 2027 aus“-Beschreibung.

Schritt 3: Den ersten Hebel definieren

Viele scheitern daran, dass sie alles auf einmal wollen: neue Selbstständigkeit, Stundenreduktion, Weiterbildung, nebenbei noch ein Podcast.

Frage dich stattdessen: Welcher eine Hebel bringt mich in den nächsten 3–6 Monaten am sichtbarsten Richtung Portfolio-Karriere?

Typische Hebel:

  • Stundenreduzierung im aktuellen Job verhandeln

  • bestehende Nebentätigkeit professionalisieren (klare Angebote, Preise, Zielgruppe)

  • erste Pilotkund:innen für ein neues Angebot gewinnen

  • eine Weiterbildung abschließen, die dir ein neues Standbein eröffnet

Schritt 4: Kleine, realistische Experimente planen

Portfolio-Karriere heißt nicht: Heute kündigen, morgen neues Leben. Besser: Die nächsten 90 Tage als Testphase definieren.

Setze dir konkrete Experimente, zum Beispiel:

  • Ich begleite bis Datum X zwei Pilotkund:innen in meinem neuen Coaching-Angebot für Summe Y.

  • Ich arbeite ab Monat X einen Tag pro Woche fokussiert an meinem Nebenprojekt (Kalenderblock!).

  • Ich teste ein neues Workshopformat mit einer befreundeten Organisation.

Wichtig ist hier: klare Zeitbudgets, klare Rahmen und ein „danach schaue ich bewusst drauf“-Moment.

Schritt 5: Finanzielle und organisatorische Basics klären

Der unsexy, aber entscheidende Teil. Checklist:

  • Habe ich einen realistischen Überblick über meine Fixkosten?

  • Wie groß ist mein Sicherheits-Puffer (in Monaten Lebenshaltungskosten)?

  • Was ist rechtlich/vertraglich zu klären (Nebentätigkeit, Gewerbeanmeldung, Scheinselbstständigkeit, Versicherungen)?

  • Wie organisiere ich meine Buchhaltung / Rechnungsstellung / Rücklagen (z.B. separates Geschäftskonto)?

Hier lohnt sich im Zweifel ein Gespräch mit Steuerberatung oder Gründungsberatung – nicht, weil alles wahnsinnig kompliziert ist, sondern damit du nicht aus Unwissenheit Fehler machst, die später teuer werden.

Typische Stolperfallen – und wie du sie vermeidest

Stolperfalle 1: Zu viele Baustellen gleichzeitig

„Ich mache dann HR-Freelancing, biete nebenbei Life-Coaching an, baue einen Online-Kurs und schreibe noch ein Buch.“ Kann man machen. Funktioniert aber selten.

Pragmatischer Ansatz: Maximal zwei aktive Aufbauprojekte parallel. Alles andere kommt auf eine „später“-Liste, nicht in deinen Kalender.

Stolperfalle 2: Keine klare Positionierung

Wenn du selbst nicht in einem Satz sagen kannst, wofür du stehst, können es andere erst recht nicht. „Ich mache verschiedenes“ ist keine Positionierung, sondern ein Symptom.

Hilfsfrage: Wenn du morgen auf einer Netzwerkveranstaltung bist und jemand fragt „Was machst du beruflich?“, was möchtest du, dass im Kopf dieser Person hängenbleibt?

Stolperfalle 3: Energie- und Zeitbudget falsch einschätzen

Beliebt: „Neben 100 % Job baue ich mir einfach abends und am Wochenende noch X auf.“ Kann man machen. Hält aber oft nicht lange.

Alternative: lieber kleine, konsequente Zeitslots (z.B. zwei Abende pro Woche, ein fixer Samstag im Monat) und dafür klare Erwartungen, was in dieser Zeit realistisch ist.

Stolperfalle 4: Alles alleine machen wollen

Portfolio klingt unabhängig, heißt aber nicht, dass du alles allein können musst: Website, Steuern, Marketing, Verhandlung, Positionierung.

Frage an dich: Welche 1–2 Dinge solltest du nicht alleine lösen, weil sie dich überproportional viel Zeit und Nerven kosten? Das sind gute Kandidaten zum Delegieren oder für fachliche Unterstützung.

Wie du dein Umfeld mitnimmst (ohne dich zu rechtfertigen)

Ein Punkt, der oft unterschätzt wird: Die Reaktionen aus dem Umfeld. „Wie, du gibst deinen sicheren Job auf?“ „Willst du dich verzetteln?“ „Aber irgendwann brauchst du doch eine richtige Position.“

Statt in Rechtfertigungen zu gehen, kannst du mit klaren Botschaften arbeiten:

  • Rahmen klären: „Ich bleibe in meinem Bereich XY, aber ich kombiniere ab jetzt Anstellung, Projekte und eigene Angebote.“

  • Strategie betonen: „Ich mache das nicht als Sprung ins Ungewisse, sondern mit Plan: Teilzeitstelle + klar definiertes zweites Standbein.“

  • Vorteile benennen: „So kann ich meine Stärke Z viel gezielter einbringen, als wenn ich nur eine Standardrolle ausfülle.“

Und ja: Manche werden es nie wirklich verstehen. Das muss es auch nicht. Wichtig ist, dass du ein klares Bild davon hast, warum du das tust.

Mini-Übung: Dein erster Portfolio-Entwurf auf einer Seite

Wenn du den Artikel nicht nur lesen, sondern nutzen willst, schnapp dir ein Blatt Papier (oder ein leeres Dokument) und beantworte kurz und knapp:

  • 1. Meine 3 wichtigsten Stärken/Fachgebiete sind:

  • 2. Mögliche Bausteine meines Portfolios in den nächsten 2–3 Jahren: (z.B. Teilzeitstelle, Projekte, Lehre, Side-Business) …

  • 3. Meine Wunsch-Verteilung in Prozent:

  • 4. Mein nächster konkreter Schritt in den nächsten 30 Tagen:

  • 5. Eine Person, mit der ich das teilen und besprechen werde:

Mehr braucht es für den Anfang nicht. Kein perfekter Businessplan, kein 20-seitiges Konzept. Ein klarer erster Entwurf und ein nächster Schritt.

Karriere als Baukasten denken – statt als Leiter

Die lineare Laufbahn wird uns lange noch begleiten – in HR-Systemen, in Stellenausschreibungen, in Köpfen. Aber sie ist längst nicht mehr der einzig sinnvolle Weg.

Wenn du merkst, dass dich der Gedanke an „nächste Stufe auf der Leiter“ eher ermüdet als motiviert, ist das kein persönliches Defizit. Es kann einfach heißen, dass dein inneres Karrieremodell ein anderes ist: eher Baukasten als Leiter, eher Portfolio als Einbahnstraße.

Du musst dafür nicht morgen alles auf den Kopf stellen. Aber du kannst heute anfangen, deine beruflichen Bausteine bewusster zu wählen und Schritt für Schritt zu kombinieren – stabil, mutig und passend zu deinem Leben.