Lena Deutsch

Karriere jenseits der linearen laufbahn: portfolio-karrieren erkunden und mutig kombinieren

Karriere jenseits der linearen laufbahn: portfolio-karrieren erkunden und mutig kombinieren

Karriere jenseits der linearen laufbahn: portfolio-karrieren erkunden und mutig kombinieren

Warum die lineare Karriere immer weniger passt

Lebenslauf: Studium, Trainee, Junior, Senior, Teamlead, Bereichsleitung. Klingt vertraut? Und für viele klingt es auch immer noch nach „so muss das sein“.

Gleichzeitig erlebe ich im Coaching immer häufiger etwas anderes: Menschen, die sagen „Ich will nicht noch eine Stufe auf dieser Leiter. Ich will mehrere Dinge gleichzeitig. Und ich will nicht jedes Mal wieder bei null anfangen.“

Wenn du dich da wiederfindest, bist du ziemlich sicher ein Fall für eine Portfolio-Karriere – ob du das Wort bisher kanntest oder nicht.

Was ist eine Portfolio-Karriere überhaupt?

Ganz einfach gesagt: Bei einer Portfolio-Karriere setzt du nicht auf eine Rolle oder eine klassische Vollzeitstelle, sondern auf mehrere berufliche „Bausteine“, die zusammen dein Berufsleben ausmachen.

Typische Bestandteile können sein:

Wichtig: Es geht nicht darum, möglichst viele Jobs zu jonglieren. Es geht darum, ein bewusst gestaltetes „Portfolio“ aus Tätigkeiten aufzubauen, das zusammenpasst – finanziell, zeitlich und von deiner Energie her.

Warum sich immer mehr Menschen für Portfolio-Karrieren interessieren

Die Gründe, die ich in Coachings immer wieder höre:

Und ja: Auch Unternehmen verändern sich. Befristete Verträge, Projektarbeit, Freelancing, New-Work-Experimente – die Realität ist längst nicht mehr so linear wie viele Organigramme suggerieren.

Was eine Portfolio-Karriere nicht ist

Vielleicht denkst du gerade: „Klingt nach chaotisch, nach ‚nie richtig bei einer Sache bleiben‘.“ Das muss es nicht sein. Ein paar Missverständnisse räume ich direkt aus:

Drei Praxis-Beispiele aus meinem Coaching-Alltag

Damit das Ganze greifbarer wird, drei echte (anonymisierte) Fälle:

Fall 1: Die Projektmanagerin mit dem „Nebenbei-Business“

Sie arbeitete 80 % in einem Konzern als Senior-Projektmanagerin. Parallel hatte sie angefangen, agile Methoden in kleinen Unternehmen zu coachen – zunächst in ihrer Freizeit.

Was wir gemacht haben:

Nach einem Jahr bestand ihre Arbeit aus: 60 % Konzern, 30 % Coaching/Trainings, 10 % Lehrtätigkeit an einer Hochschule.

Fall 2: Der ITler zwischen Anstellung und Selbstständigkeit

Ein erfahrener Entwickler wollte nicht mehr Vollzeit in einer Firma hängen, aber auch nicht als Einzelkämpfer auf Projektplattformen landen.

Sein Portfolio heute:

Wichtigster Hebel war hier: saubere vertragliche Klärung mit dem Arbeitgeber zu Nebentätigkeit und geistigem Eigentum.

Fall 3: Die Expertin, die sich breiter aufstellt

Eine erfahrene Kommunikationsleiterin wollte aus dem Vollzeit-Hamsterrad raus, aber ihre Expertise nicht „wegwerfen“.

Nach einer Analyse ihrer Stärken und Marktchancen entstand dieses Setup:

Ihre Gesamtarbeitszeit blieb ähnlich hoch, aber die gefühlte Autonomie und Zufriedenheit lagen plötzlich woanders – statt nur einen Arbeitgeber zufriedenstellen zu müssen, gestaltete sie ihr eigenes „Mini-Unternehmen“.

Ist eine Portfolio-Karriere etwas für dich? Drei Leitfragen

Bevor du gedanklich schon kündigst: Portfolio klingt spannend, ist aber nicht für jede Lebensphase und jede Persönlichkeit ideal. Diese Fragen helfen dir bei der Einschätzung:

1. Wie hoch ist dein Bedürfnis nach Sicherheit?

Eine Portfolio-Karriere kann Sicherheit sogar erhöhen (mehrere Einkommensquellen), fühlt sich aber kurzfristig oft unsicherer an, weil mehr Entscheidungen bei dir liegen.

Geh ruhig ehrlich auf einer Skala von 1–10 durch (1 = „Mir ist Sicherheit egal“, 10 = „Ich brauche maximale Planbarkeit“). Bei 8–10 ist ein behutsamer Einstieg über Teilzeit + Side-Business oft sinnvoller als ein radikaler Schnitt.

2. Wie gut kannst du dich selbst strukturieren?

Mehr Rollen bedeuten mehr Koordination. Wenn du schon mit einer 40-Stunden-Stelle chaotische To-do-Listen hast, ist das kein K.O.-Kriterium – aber ein klares Signal, dass du zuerst an deinem Selbstmanagement arbeiten solltest.

3. Wie reagierst du auf Unsicherheit und Leerlauf?

Zwischenprojektszeiten gehören dazu. Manche Menschen genießen das („Endlich Luft zum Denken“), andere geraten sofort in Panik („Nie wieder kommt ein Auftrag“). Kenne deine Muster – dann kannst du passende Strukturen einbauen (z.B. Finanzpuffer, Vertriebsroutinen).

Dein Portfolio entwerfen: Das 3-Säulen-Modell

Ein einfaches Framework, mit dem ich häufig arbeite, ist das 3-Säulen-Modell. Stell dir dein Berufsleben als Haus vor. Die Frage lautet: Worauf steht es stabil?

Säule 1: Stabilität

Das ist der Teil deines Portfolios, der für finanzielle und strukturelle Sicherheit sorgt.

Säule 2: Wachstum & Positionierung

Hier entwickelst du dich fachlich weiter, baust Expertise aus und erhöhst deine Sichtbarkeit.

Säule 3: Exploration & Experimente

Diese Säule ist der Spielplatz. Hier testest du neue Ideen mit kleinem Risiko.

Deine Aufgabe ist nicht, alles gleichzeitig auf 100 % zu bringen. Sondern: eine Mischung zu finden, die zu deiner Lebensphase passt. Mit Kleinkind zuhause sieht das anders aus als mit leerem Nest und Rücklagen auf dem Konto.

Von der Idee zur Realität: 5 Schritte zur Portfolio-Karriere

Schritt 1: Bestandsaufnahme machen

Nimm dir 30–45 Minuten und beantworte schriftlich:

Das ist dein Ist-Zustand. Ohne den ist jede Portfolio-Planung nur Wunschdenken.

Schritt 2: Dein Ziel-Portfolio skizzieren

Jetzt darfst du kurz groß denken. Stell dir vor, ein Jahr ist vergangen und du hast dein erstes funktionierendes Portfolio aufgebaut. Wie sieht es aus?

Schreib es konkret auf, ruhig als kurze „So sieht mein Arbeitsleben 2027 aus“-Beschreibung.

Schritt 3: Den ersten Hebel definieren

Viele scheitern daran, dass sie alles auf einmal wollen: neue Selbstständigkeit, Stundenreduktion, Weiterbildung, nebenbei noch ein Podcast.

Frage dich stattdessen: Welcher eine Hebel bringt mich in den nächsten 3–6 Monaten am sichtbarsten Richtung Portfolio-Karriere?

Typische Hebel:

Schritt 4: Kleine, realistische Experimente planen

Portfolio-Karriere heißt nicht: Heute kündigen, morgen neues Leben. Besser: Die nächsten 90 Tage als Testphase definieren.

Setze dir konkrete Experimente, zum Beispiel:

Wichtig ist hier: klare Zeitbudgets, klare Rahmen und ein „danach schaue ich bewusst drauf“-Moment.

Schritt 5: Finanzielle und organisatorische Basics klären

Der unsexy, aber entscheidende Teil. Checklist:

Hier lohnt sich im Zweifel ein Gespräch mit Steuerberatung oder Gründungsberatung – nicht, weil alles wahnsinnig kompliziert ist, sondern damit du nicht aus Unwissenheit Fehler machst, die später teuer werden.

Typische Stolperfallen – und wie du sie vermeidest

Stolperfalle 1: Zu viele Baustellen gleichzeitig

„Ich mache dann HR-Freelancing, biete nebenbei Life-Coaching an, baue einen Online-Kurs und schreibe noch ein Buch.“ Kann man machen. Funktioniert aber selten.

Pragmatischer Ansatz: Maximal zwei aktive Aufbauprojekte parallel. Alles andere kommt auf eine „später“-Liste, nicht in deinen Kalender.

Stolperfalle 2: Keine klare Positionierung

Wenn du selbst nicht in einem Satz sagen kannst, wofür du stehst, können es andere erst recht nicht. „Ich mache verschiedenes“ ist keine Positionierung, sondern ein Symptom.

Hilfsfrage: Wenn du morgen auf einer Netzwerkveranstaltung bist und jemand fragt „Was machst du beruflich?“, was möchtest du, dass im Kopf dieser Person hängenbleibt?

Stolperfalle 3: Energie- und Zeitbudget falsch einschätzen

Beliebt: „Neben 100 % Job baue ich mir einfach abends und am Wochenende noch X auf.“ Kann man machen. Hält aber oft nicht lange.

Alternative: lieber kleine, konsequente Zeitslots (z.B. zwei Abende pro Woche, ein fixer Samstag im Monat) und dafür klare Erwartungen, was in dieser Zeit realistisch ist.

Stolperfalle 4: Alles alleine machen wollen

Portfolio klingt unabhängig, heißt aber nicht, dass du alles allein können musst: Website, Steuern, Marketing, Verhandlung, Positionierung.

Frage an dich: Welche 1–2 Dinge solltest du nicht alleine lösen, weil sie dich überproportional viel Zeit und Nerven kosten? Das sind gute Kandidaten zum Delegieren oder für fachliche Unterstützung.

Wie du dein Umfeld mitnimmst (ohne dich zu rechtfertigen)

Ein Punkt, der oft unterschätzt wird: Die Reaktionen aus dem Umfeld. „Wie, du gibst deinen sicheren Job auf?“ „Willst du dich verzetteln?“ „Aber irgendwann brauchst du doch eine richtige Position.“

Statt in Rechtfertigungen zu gehen, kannst du mit klaren Botschaften arbeiten:

Und ja: Manche werden es nie wirklich verstehen. Das muss es auch nicht. Wichtig ist, dass du ein klares Bild davon hast, warum du das tust.

Mini-Übung: Dein erster Portfolio-Entwurf auf einer Seite

Wenn du den Artikel nicht nur lesen, sondern nutzen willst, schnapp dir ein Blatt Papier (oder ein leeres Dokument) und beantworte kurz und knapp:

Mehr braucht es für den Anfang nicht. Kein perfekter Businessplan, kein 20-seitiges Konzept. Ein klarer erster Entwurf und ein nächster Schritt.

Karriere als Baukasten denken – statt als Leiter

Die lineare Laufbahn wird uns lange noch begleiten – in HR-Systemen, in Stellenausschreibungen, in Köpfen. Aber sie ist längst nicht mehr der einzig sinnvolle Weg.

Wenn du merkst, dass dich der Gedanke an „nächste Stufe auf der Leiter“ eher ermüdet als motiviert, ist das kein persönliches Defizit. Es kann einfach heißen, dass dein inneres Karrieremodell ein anderes ist: eher Baukasten als Leiter, eher Portfolio als Einbahnstraße.

Du musst dafür nicht morgen alles auf den Kopf stellen. Aber du kannst heute anfangen, deine beruflichen Bausteine bewusster zu wählen und Schritt für Schritt zu kombinieren – stabil, mutig und passend zu deinem Leben.

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