Sabbatical, auszeit, kleine pausen: welche form der pause zu dir passt und wie du sie planst

Sabbatical, auszeit, kleine pausen: welche form der pause zu dir passt und wie du sie planst

Du kennst das vielleicht: Seit Monaten denkst du darüber nach, eine längere Auszeit zu nehmen. Sabbatical? Unbezahlter Urlaub? Job kündigen und reisen? Oder reicht es vielleicht schon, endlich mal konsequent Feierabend zu machen und ein Wochenende nicht „nur kurz Mails zu checken“?

Zwischen „Ich brauche dringend eine Pause“ und „Ich schmeiße alles hin und gehe ein Jahr nach Costa Rica“ gibt es ziemlich viele Möglichkeiten. Die gute Nachricht: Du musst dich nicht sofort für die radikalste Variante entscheiden. Die wichtige Nachricht: Wenn du nichts aktiv planst, passiert meistens – nichts.

Warum dein Körper Pause schreit, dein Kopf aber weitermacht

In Coachings kommen Menschen oft mit Sätzen wie:

  • „Ich halte das so noch ein paar Monate durch, aber dann…“
  • „Eigentlich läuft alles gut, aber ich bin permanent müde.“
  • „Ich funktioniere, aber ich freue mich auf nichts mehr so richtig.“
  • Das sind klassische Warnsignale. Nicht unbedingt Burnout, aber: Du lebst auf Verschleiß. Und dann passiert eins von zwei Dingen:

  • Du übergehst diese Signale, machst weiter, bis dein Körper oder deine Psyche dich zwangsweise stoppt.
  • Du romantisierst die „große Auszeit“ („Ein Jahr raus, dann wird alles anders“) – planst sie aber nie konkret.
  • Beides ist nicht besonders hilfreich. Sinnvoller ist es, bewusst zu schauen: Welche Form von Pause passt gerade zu mir, zu meinem Leben, zu meinen Finanzen – und zu meinen echten Bedürfnissen?

    Welche Arten von Pausen es überhaupt gibt

    Statt „Sabbatical oder gar nichts“ lohnt sich ein differenzierter Blick. Ein paar typische Formen:

    1. Mikro-Pausen im Alltag

  • 5–10 Minuten zwischen Meetings
  • Ein kurzer Spaziergang nach dem Mittagessen
  • Handyfreie Zeiten am Abend
  • Klingen banal, sind aber oft der erste Hebel, um aus dem Dauerstress-Modus rauszukommen.

    2. Kleine Auszeiten (Tage bis wenige Wochen)

  • Ein verlängertes Wochenende allein
  • Eine Woche komplett offline
  • 2–4 Wochen unbezahlter Urlaub oder angesammelte Überstunden
  • Ideal, um mal wirklich runterzukommen, ohne dein komplettes Leben umzukrempeln.

    3. Sabbatical (mehrere Monate bis zu einem Jahr)

  • Nachmodellierte Arbeitszeit (z.B. vorher ansparen, später freinehmen)
  • Unbezahlte Freistellung
  • Teilzeitmodelle mit längeren Blöcken an Freizeit
  • Das ist die „große Lösung“ – braucht Planung, klare Ziele und realistische Erwartungen.

    4. Strukturelle Pausen

  • Sich eine Auszeit zwischen zwei Jobs bewusst einplanen
  • Eine berufliche Weiterbildung mit Auszeit-Element
  • Einmal im Jahr ein fester Reflektions-Monat mit Arbeitszeitreduktion
  • Spannend für alle, die merken: Es geht nicht nur um Erholung, sondern um eine Neuausrichtung.

    Bevor du eine Form wählst: Was brauchst du eigentlich wirklich?

    Viele springen zu schnell in die Lösungsform („Ich brauche ein Sabbatical“), ohne das eigentliche Bedürfnis zu klären. Ein paar Coaching-Fragen, die du dir stellen kannst:

  • Was fehlt mir im Moment am meisten: Schlaf, Sinn, Freiheit, Ruhe, Inspiration, Gesundheit, Zeit für mich, Zeit für andere?
  • Wache ich eher erschöpft, leer oder gelangweilt auf?
  • Wenn ich nächsten Monat 2 freie Wochen hätte – was würde ich als Erstes tun (realistisch, nicht Instagram-tauglich)?
  • Wovor habe ich am meisten Angst, wenn ich an eine Auszeit denke (z.B. Geld, Karriereknick, Ansehen, Konflikt mit Chef:in)?
  • Beispiel aus einem Coaching: Eine Klientin war überzeugt, sie brauche unbedingt ein halbes Jahr Weltreise. Nach ein paar Sitzungen stellte sich raus: Sie war nicht reisefreudig, sondern erschöpft und überfordert. Was sie wirklich brauchte, war:

  • Klare Grenzen bei den Arbeitszeiten
  • Zwei Wochen echte Erholung ohne Familie-Organisation
  • Mittelfristig einen Jobwechsel in ein weniger toxisches Umfeld
  • Das halbe Jahr Auszeit wäre vermutlich ein sehr teurer Versuch gewesen, ein strukturelles Problem zu lösen.

    Wann ein Sabbatical sinnvoll ist – und wann eher nicht

    Ein Sabbatical kann großartig sein, wenn…

  • du das Gefühl hast, dein Leben läuft „von allein“, und du willst bewusst einmal aussteigen und neu sortieren.
  • du ein konkretes Projekt hast (Reise, Weiterbildung, Buch, soziales Engagement), das sich nicht in ein paar Wochen quetschen lässt.
  • du finanziell und organisatorisch so planen kannst, dass du nicht permanent Geldsorgen hast.
  • dein Job oder deine Branche Sabbaticals kennt (oder du dir den Rahmen verhandeln kannst).
  • Weniger hilfreich ist ein Sabbatical oft, wenn…

  • du hoffst, dass sich alle Probleme von selbst lösen, wenn du nur weit genug weg bist.
  • du in einem Umfeld arbeitest, das dich schon jetzt krank macht – und nach der Rückkehr ist es genau das gleiche Spiel.
  • du sehr hohe Erwartungen an „die eine Auszeit“ knüpfst („Danach weiß ich genau, was meine Berufung ist“).
  • Ein Sabbatical ist kein magischer Reset-Button. Es ist ein Zeitfenster. Was du darin machst (oder nicht machst), entscheidet am Ende über den Effekt.

    Kleine Auszeiten: unterschätzt, aber extrem wirksam

    Viele meiner Klient:innen erleben kleine, gut geplante Pausen als überraschend transformativ, zum Beispiel:

  • 4 Tage alleine in einer Ferienwohnung, ohne Termine, ohne To-dos, nur mit einem Notizbuch
  • 2 Wochen Urlaub, in denen der Laptop zu Hause bleibt und das Handy im Flugmodus ist – wirklich
  • Eine Woche Workation mit klaren Arbeitszeiten und viel Zeit in der Natur
  • Vielleicht denkst du: „Das reicht niemals, ich bin so am Limit.“ Häufig ist aber nicht die Länge der Auszeit das Hauptproblem, sondern ihre Qualität:

  • Wie erreichbar bist du wirklich?
  • Wie viel Erwartung packst du in diese paar Tage?
  • Darf diese Pause einfach nur Pause sein – oder muss sie auch noch dein gesamtes Leben klären?
  • Statt auf das perfekte Sabbatical in zwei Jahren zu warten, kannst du anfangen, regelmäßig kleine, aber echte Auszeiten zu etablieren. Das senkt den Druck und macht dein System insgesamt robuster.

    Mikro-Pausen: der unsexy, aber entscheidende Hebel

    Ja, ich weiß – 5 Minuten Pause zwischen zwei Meetings klingt nach „Selfcare-Instagram-Ratschlag“. In der Praxis macht es aber einen massiven Unterschied, ob dein Nervensystem wenigstens kurze Momente zum Runterfahren bekommt oder ob du dich von morgens bis abends durchballerst.

    Pragmatische Mikro-Pausen, die du morgen testen kannst:

  • 20-5-Regel: 20 Minuten fokussiert arbeiten, 5 Minuten aufstehen, bewegen, Wasser holen, Fenster auf.
  • Meeting-Puffer: Keine 60-Minuten-Meetings, sondern 50; keine 30, sondern 25. Der Rest ist Pause. Konsequentes Einplanen im Kalender.
  • Bildschirm-Hygiene: Nach jedem längeren Call 2 Minuten nicht auf einen Bildschirm schauen. Blick aus dem Fenster, Schultern kreisen.
  • Feierabend-Ritual: Ein kurzer Spaziergang oder 5 Minuten bewusstes Umziehen/Abschalten, bevor du in den Privatmodus wechselst (besonders im Homeoffice).
  • Diese Mikro-Pausen ersetzen kein Sabbatical, aber sie verhindern, dass du eins dringend brauchst, weil du völlig ausgebrannt bist.

    Der Realitätscheck: Was ist für dich im nächsten Jahr machbar?

    Statt in Wunschbildern zu bleiben, lohnt eine ganz nüchterne Bestandsaufnahme. Nimm dir ein Blatt Papier und teile es in drei Spalten:

  • Spalte 1: Ressourcen – Wie viel Geld, Zeit, Rücklagen, Urlaubstage, Überstunden, Unterstützung (Partner:in, Familie) hast du realistisch?
  • Spalte 2: Rahmenbedingungen – Was lässt dein Arbeitgeber zu? Gibt es Sabbatical-Regelungen, Teilzeitmodelle, die Möglichkeit von unbezahltem Urlaub?
  • Spalte 3: Prioritäten – Was ist dir im nächsten Jahr wirklich wichtig: Gesundheit, Familienzeit, berufliche Entwicklung, ein Projekt, Reisen?
  • Viele merken in diesem Schritt: Ein volles Jahr Auszeit ist gerade vielleicht nicht drin – aber drei Monate wären machbar. Oder: Ein Sabbatical ist organisatorisch schwierig, aber 3–4 Wochen unbezahlter Urlaub plus konsequenter Urlaubseinsatz bringen schon viel.

    Wie du dein Sabbatical (oder deine Auszeit) konkret planst

    Wenn du eine größere Pause ins Auge fasst, helfen diese Schritte:

    1. Ziel klären

  • Geht es primär um Erholung, um eine berufliche Neuausrichtung, um ein Herzensprojekt oder eine Mischung?
  • Wie willst du dich am letzten Tag der Auszeit fühlen?
  • Woran würdest du merken, dass sich die Auszeit „gelohnt“ hat – jenseits von schönen Fotos?
  • 2. Finanzplan schaffen

  • Wie hoch sind deine monatlichen Fixkosten?
  • Wie viele Monate möchtest du überbrücken?
  • Welche Einkommensquellen bleiben (z.B. Teilzeit, Mieteinnahmen, Partner:in)?
  • Wie viel musst du bis dahin monatlich zurücklegen?
  • Ein realistischer Finanzplan nimmt wahnsinnig viel Druck raus. Es ist ein Unterschied, ob du „irgendwie von Ersparnissen lebst“ oder genauer weißt: „Ich habe 6 Monate + Puffer, wenn ich mich an diese Summe halte.“

    3. Arbeitgeber-Gespräch vorbereiten

    Statt vage anzufragen („Ich würde gern mal eine längere Auszeit machen…“), geh mit einem konkreten Vorschlag ins Gespräch:

  • Start- und Enddatum
  • Modell (angespartes Sabbatical, unbezahlter Urlaub, Reduzierung der Stunden über Zeitraum X etc.)
  • Vertretungs- und Übergabekonzept
  • Nutzen für das Unternehmen (z.B. Entwicklungsmöglichkeiten für Kolleg:innen, klare Planungssicherheit, langfristige Bindung)
  • Je klarer du selbst bist, desto eher bist du verhandelbar. Und: Rechne mit Gegenfragen und Einwänden. Das heißt nicht automatisch „Nein“, sondern oft „Ich muss verstehen, wie wir das organisieren“.

    4. Struktur für die Auszeit festlegen

    „Ich mache einfach mal gar keinen Plan“ klingt verlockend, führt in der Praxis aber häufig dazu, dass du in alte Muster fällst (Dauer-Social-Media, 1000 Ideen, nichts umgesetzt).

    Eine minimale Struktur kann sein:

  • Ein grober Wochenrhythmus (z.B. bestimmte Tage für Projekte, bestimmte für Erholung)
  • Ein paar Leitfragen, mit denen du deine Zeit reflektierst (z.B. wöchentliches Check-in)
  • Klare Handy-/Internet-Regeln, wenn dich das sonst auffrisst
  • Die Kunst liegt in der Balance: genug Struktur, um nicht zu versanden – genug Freiheit, damit es wirklich eine Auszeit ist und kein Selbstoptimierungs-Bootcamp.

    Wie du auch ohne Sabbatical mehr Raum für dich schaffst

    Nicht jede Lebenssituation erlaubt ein Sabbatical. Vielleicht hast du kleine Kinder, Pflegeverantwortung, eine befristete Stelle, wenig Rücklagen oder du bist gerade in einer Ausbildung. Das heißt aber nicht, dass du „halt durchhalten“ musst, bis irgendwann der perfekte Zeitpunkt kommt.

    Drei Ebenen, auf denen du sofort ansetzen kannst:

    1. Arbeit anders strukturieren

  • Realistischere To-do-Listen (max. 3 Prioritäten pro Tag)
  • Bewusste No-Gos (z.B. keine Meetings nach 17 Uhr, keine Mails am Sonntag)
  • Delegieren, wo es irgendwie geht – auch privat
  • 2. Mikro-Auszeiten fest einplanen

  • Jeden Monat ein fixer halber Tag nur für dich (ja, das geht – wenn du es wichtig nimmst)
  • Jedes Quartal ein verlängertes Wochenende, wenn möglich alleine oder mit bewusst gewählter Begleitung
  • Mindestens einmal im Jahr 1–2 Wochen Urlaub, die diesen Namen verdienen (ohne Renovierung, ohne „Nebenbei mal die Ablage machen“)
  • 3. Innere Erlaubnis trainieren

    Viele Menschen brennen nicht primär aus, weil sie so viel arbeiten müssen, sondern weil sie sich keine Pause zugestehen. Typische Glaubenssätze:

  • „Ich kann mich erst ausruhen, wenn alles fertig ist.“ (Spoiler: Es ist nie alles fertig.)
  • „Wenn ich Pause mache, bin ich nicht belastbar/genug engagiert.“
  • „Andere schaffen das ja auch.“
  • Hier helfen Reflexion und manchmal auch ein ehrliches Gespräch mit sich selbst: Woher kommen diese Sätze? Wem versuche ich eigentlich etwas zu beweisen? Und zu welchem Preis?

    Wie du merkst, dass deine aktuelle Pausenstrategie nicht mehr passt

    Ein paar Warnhinweise, die ich im Coaching immer wieder sehe:

  • Du kommst aus dem Urlaub zurück und bist nach 2 Tagen wieder so erschöpft wie davor.
  • Freie Tage sind komplett mit „Erledigungen“ verplant.
  • Du bist öfter krank als früher oder „dauerangeschlagen“.
  • Du merkst, dass du zynischer wirst, dich schnell aufregst oder innerlich nur noch mit den Augen rollst.
  • Du triffst Freunde nur noch zwischen Tür und Angel oder sagst immer häufiger ab, weil du „einfach nicht mehr kannst“.
  • Das sind Hinweise darauf, dass deine kleinen Pausen nicht mehr ausreichen – oder qualitativ nicht das sind, was du bräuchtest. Spätestens dann lohnt es sich, über eine größere Auszeit oder tiefere Veränderungen nachzudenken.

    Wie du jetzt konkret starten kannst

    Statt diesen Artikel wegzuklicken und „irgendwann mal“ zu planen, kannst du dir jetzt 10 Minuten Zeit nehmen und folgende Schritte machen:

  • Schreib auf, wie erschöpft du dich gerade auf einer Skala von 1–10 fühlst.
  • Notiere, was dir spontan als Form von Pause in den Sinn kommt (ohne zu bewerten, ob es realistisch ist).
  • Markiere, was davon im nächsten Jahr realistisch machbar wäre, wenn du es wirklich priorisieren würdest.
  • Lege einen mini-nächsten Schritt fest: ein Gespräch, eine Info-Mail an HR, ein Test-Wochenende allein, eine klare Grenze im Kalender.
  • Und dann fang klein an. Du musst nicht sofort das perfekte Sabbatical-Programm entwerfen. Aber du kannst heute entscheiden, dass dein Körper und dein Kopf nicht erst eine Krise produzieren müssen, bevor du ihnen ernsthaft eine Pause gönnst.

    Pausen sind kein Luxus. Sie sind die Grundlage dafür, dass du dein Leben bewusst gestalten kannst – statt dich nur irgendwie durch deinen Alltag zu schleppen.