Du gehst aus Meetings mit einem komischen Bauchgefühl, weil du wieder allem zugestimmt hast? Du übernimmst Aufgaben, die eigentlich nicht zu dir gehören – und arbeitest abends noch, während andere längst offline sind? Und gleichzeitig fühlst du dich in deiner Rolle nicht wirklich ernst genommen?
Willkommen im People-Pleasing-Modus. Und ja: Der ist im Job weit verbreitet – gerade bei leistungsstarken, verantwortungsbewussten Menschen.
In diesem Artikel schauen wir uns an, wie du vom “Ich will es allen recht machen” zu einer klaren, respektierten Positionierung im Beruf kommst. Nicht über Nacht, aber Schritt für Schritt – pragmatisch, testbar, ohne dass du deine Persönlichkeit verbiegen musst.
Was People Pleasing im Job wirklich kostet
Bevor wir an Lösungen arbeiten, lohnt sich ein ehrlicher Blick auf den Preis, den du zahlst, wenn du dich ständig anpasst.
Typische Muster, die ich in Coachings sehe:
- Du sagst reflexartig “Ja”, obwohl du innerlich “Nein” denkst.
- Du formulierst alles extrem vorsichtig (“Nur eine Idee…”, “Weiß nicht, ob das Sinn macht, aber…”).
- Du wartest, bis andere ausreden – und sagst dann nichts mehr, weil “jetzt ist es ja auch egal”.
- Du übernimmst Themen, die niemand anders machen will, “damit es läuft”.
- Du nimmst Kritik persönlicher als sie gemeint ist – und passt dich sofort an.
Nach außen wirkst du vielleicht: hilfsbereit, flexibel, zuverlässig. Innen passiert etwas anderes:
- Deine Arbeitszeit läuft mit fremden Prioritäten voll.
- Deine eigentlichen Stärken und Interessen sind kaum sichtbar.
- Du wirst eher als “verlässliche Zuarbeit” wahrgenommen als als Sparringspartner:in.
- Du wirst übergangen, wenn es um spannende Projekte oder Entscheidungen geht.
Hart formuliert: Wenn du dich selbst nicht ernst nimmst, wird es dein Umfeld auch nicht tun. Nicht, weil alle böse sind – sondern weil du keine klare Angriffsfläche bietest, wofür du stehst.
People Pleasing ist kein Charakterfehler – sondern eine alte Strategie
Wichtig: Du bist nicht “zu nett” oder “einfach nicht gemacht für klare Kante”. People Pleasing ist oft eine gelernte Überlebensstrategie:
- aus der Schule (“Gute Noten für angepasstes Verhalten”),
- aus früheren Jobs (“Wer keinen Ärger macht, fliegt nicht auf”),
- aus der Familie (“Sei brav, sei lieb, mach keinen Stress”).
Damals hat diese Strategie vermutlich geholfen: Du hast Anerkennung bekommen, wenn du Erwartungen erfüllt hast. Im Berufsleben, vor allem in wissensintensiven Jobs oder Führungsrollen, kippt das Ganze irgendwann:
- Du wirst für Anpassung statt für Haltung belohnt.
- Du verwechselst Harmonie mit Sicherheit.
- Du richtest deinen Kompass nach außen statt nach innen.
Die gute Nachricht: Was gelernt ist, lässt sich umlernen. Wir ersetzen das Muster “Ich gefalle, also gehöre ich dazu” durch “Ich positioniere mich, also werde ich relevant”.
Was heißt eigentlich “klare Positionierung” im Job?
Viele denken bei Positionierung sofort an Personal Branding auf LinkedIn oder fancy Elevator Pitches. Darum geht es hier nicht (zumindest nicht in erster Linie).
Klare Positionierung im Arbeitskontext heißt:
- Du weißt, wofür du im Unternehmen stehst (Themen, Werte, Art zu arbeiten).
- Du kannst in Meetings und im Alltag sichtbar machen, was dir wichtig ist.
- Du setzt Grenzen, statt nur “netto” zu funktionieren.
- Andere können vorhersagen, wie du in bestimmten Situationen reagierst.
Eine einfache Formel, mit der ich im Coaching gern arbeite:
Positionierung = Stärken + Werte + Fokus sichtbar gelebt
People Pleasing kappt vor allem den letzten Teil: Du lebst nicht sichtbar, was du kannst und was dir wichtig ist, sondern was du glaubst, dass andere sehen wollen. Genau da setzen wir an.
Schritt 1: Erkenne deine typischen People-Pleasing-Situationen
Bevor du etwas veränderst, brauchst du Klarheit: Wo rutschst du überhaupt ins Muster? Nicht theoretisch, sondern konkret.
Nimm dir eine Woche und beobachte dich – ohne Selbstverurteilung, eher wie eine Forscherin:
- In welchen Situationen sage ich “Ja”, obwohl ich “Nein” meine?
- Wann nehme ich meine Meinung wieder zurück oder formuliere sie weich?
- Wann ärgere ich mich im Nachhinein über mich selbst?
- Mit welchen Personen passiert mir das besonders häufig (Chef:in, bestimmte Kolleg:innen, Kund:innen)?
Schreib dir die Situationen stichpunktartig auf. Nach einer Woche markierst du Muster:
- Gibt es bestimmte Trigger (Kritik, Zeitdruck, Hierarchie, bestimmte Formulierungen)?
- Gibt es bestimmte Gefühle (Angst vor Ablehnung, Scham, Überforderung)?
- Gibt es wiederkehrende Gedanken (“Ich darf nicht enttäuschen”, “Wenn ich nein sage, bin ich egoistisch”)?
Allein dieses Beobachten verändert schon etwas. Du gehst vom Autopiloten in den Beobachtermodus – das ist die halbe Miete.
Schritt 2: Kläre deine innere Job-Positionierung
Bevor du nach außen klarer wirst, brauchst du innen eine Art Kompass. Sonst ersetzt du nur das Gefallen-Wollen durch ein neues, künstliches Image.
Nimm dir 20–30 Minuten und arbeite mit diesen drei Fragen:
1. Wofür will ich im Job bekannt sein?
Beispiele:
- Für saubere Analysen und klare Entscheidungen.
- Für pragmatische Lösungen in chaotischen Projekten.
- Für wertschätzende, aber ehrliche Kommunikation.
- Für strukturiertes Vorgehen in komplexen Themen.
2. Welche 3 Werte sind mir in der Zusammenarbeit am wichtigsten?
Beispiele: Klarheit, Verlässlichkeit, Respekt, Offenheit, Qualität, Geschwindigkeit, Teamgeist, Verantwortung.
3. Was ist im Moment mein Fokus?
Also: Welche 1–2 Themen stehen für mich beruflich im Vordergrund? Nicht was das Unternehmen will, sondern du.
- Führung ausbauen?
- Fachliche Expertise vertiefen?
- Rolle im Team schärfen?
- Arbeitszeit und Energie besser managen?
Schreib dir deine Antworten kompakt zusammen, z.B. so:
“Ich möchte als jemand wahrgenommen werden, der komplexe Themen strukturiert, Klarheit schafft und Entscheidungen vorbereitet. In der Zusammenarbeit sind mir Klarheit, Verlässlichkeit und Respekt wichtig. Mein aktueller Fokus: meine Rolle als Sparringspartner:in für das Management schärfen.”
Das ist deine innere Positionierung. Kein LinkedIn-Slogan, sondern Arbeitsgrundlage für dein Verhalten.
Schritt 3: “Nettes” Verhalten von wirksamer Kooperation unterscheiden
Viele People Pleaser:innen haben Angst, durch klarere Positionierung “unsympathisch” zu werden. Darum lohnt es sich, zwei Dinge sauber zu trennen:
- Höflichkeit: respektvoller Umgang, interessiert zuhören, konstruktiv sein.
- Gefallen-Wollen: Zustimmung aus Angst, unangemessenes Zurückstecken, unklare Grenzen.
Du musst nicht unhöflicher werden, um dich klarer zu positionieren. Im Gegenteil: Wirksame Kooperation ist oft klarer und damit für alle leichter.
Reframing-Hilfe: Statt “Ich will, dass sie mich mögen” → “Ich will, dass sie wissen, woran sie mit mir sind”.
Frag dich in kritischen Situationen:
- Diene ich gerade dem gemeinsamen Ziel – oder versuche ich, mein Bild nach außen zu schützen?
- Handle ich aus Überzeugung – oder aus Angst vor Ablehnung?
Schritt 4: Mini-Experimente für klare Positionierung im Alltag
Jetzt wird es praktisch. Du musst nicht deine komplette Kommunikationsweise umkrempeln. Starte mit kleinen, konkreten Experimenten.
Wähle für die nächste Woche 2–3 Situationen, in denen du bewusst etwas anders machen willst. Hier ein paar erprobte Mini-Experimente:
Experiment 1: Den Satz nicht relativieren
Wenn du etwas sagen willst, streich folgende Einleitungen:
- “Ich weiß nicht, ob das passt, aber…”
- “Nur kurz von meiner Seite, kann auch Quatsch sein…”
- “Ich bin da nicht Expert:in, aber vielleicht…”
Ersetze sie durch:
- “Aus meiner Sicht…”
- “Ich sehe das so…”
- “Mein Vorschlag wäre…”
Und dann Punkt. Kein Abschwächen hinterher.
Experiment 2: Ein klares Nein mit Alternativangebot
Du bekommst eine zusätzliche Aufgabe auf den Tisch, die nicht dringend zu dir gehört. Statt automatisch “Ja” zu sagen, probiere:
- “Das kann ich in dieser Woche nicht zusätzlich übernehmen, weil ich X priorisieren muss. Mögliche Alternativen wären…”
- “Für diese Aufgabe bin ich nicht die richtige Ansprechperson. Sinnvoller wäre aus meiner Sicht Y, weil…”
Wichtig: Kein ellenlanger Rechtfertigungsroman. Kurz, klar, freundlich.
Experiment 3: Eigene Position im Meeting früh platzieren
Wenn du sonst erst gegen Ende des Meetings etwas sagst (oder gar nicht), nimm dir vor:
- Innerhalb der ersten 15 Minuten einmal bewusst deine Sicht zu teilen.
- Wenn du zustimmst, sag konkret weshalb (“Ich unterstütze das, weil…”), statt nur zu nicken.
So wirst du sichtbarer, ohne dass du lauter wirst.
Experiment 4: Feedback nach innen statt nur nach außen richten
Wenn Lob kommt (“Das war eine super Präsentation”), sag nicht reflexartig:
- “Ach, das war doch nichts.”
- “Ich hatte einfach Glück.”
Sondern:
- “Danke, ich habe viel Vorbereitung reingesteckt, schön, dass es ankommt.”
Du signalisierst damit dir selbst und anderen: Ich nehme meine Leistung ernst.
Schritt 5: Mit unangenehmen Gefühlen konstruktiv umgehen
Weniger gefallen zu wollen fühlt sich am Anfang oft falsch an. Nicht, weil es falsch ist – sondern weil dein Nervensystem anders konditioniert ist.
Typische Reaktionen nach dem ersten “klaren Nein” oder einer deutlichen Aussage im Meeting:
- Herzklopfen, innere Unruhe.
- Gedankenkino (“War das jetzt zu hart?”, “Fanden die mich arrogant?”).
- Reflex, es im Nachhinein wieder weichzuspülen (“Ich wollte eben nicht falsch rüberkommen…”).
Das ist normal. Zwei Fragen helfen in dieser Phase:
- War ich respektlos – oder einfach nur klar?
- Wem hat mein altes Muster eigentlich gedient – und wem dient dieses neue Verhalten?
Eine kleine Übung nach “mutigen Momenten”:
- Schreib dir kurz auf, was du gesagt/getan hast.
- Bewerte auf einer Skala von 1 (sehr unwohl) bis 10 (sehr stimmig), wie es sich angefühlt hat.
- Notiere: Was hat objektiv tatsächlich stattgefunden? Gab es tatsächlich negative Reaktionen – oder nur in deinem Kopf?
So trainierst du dein System darauf, dass Klarheit überlebensfähig ist. Und meist deutlich weniger Drama auslöst, als du befürchtest.
Schritt 6: Deine Positionierung im Umfeld verankern
Wenn du merkst, dass dir deine innere Positionierung klarer wird, kannst du sie bewusst im Umfeld sichtbar machen – ohne große Show.
Konkrete Ansatzpunkte:
1. Im Gespräch mit deiner Führungskraft
Nutze 1:1-Gespräche nicht nur für Status-Updates, sondern um klarer zu zeigen, wofür du stehen willst. Zum Beispiel:
- “Mir ist wichtig, in Projekten X und Y stärker in die inhaltliche Gestaltung zu gehen, nicht nur in die Umsetzung.”
- “Ich möchte in der Rolle klarer als Sparringspartner auftreten. Wie nehmen Sie mich aktuell wahr?”
- “Ich habe gemerkt, dass ich zu oft Ad-hoc-Themen übernehme. Ich würde gern fokussierter an A und B arbeiten. Können wir dafür Rahmen vereinbaren?”
2. In der Zusammenarbeit im Team
Du musst nicht jedes Meeting zur Bühne machen. Oft reichen kleine, konsistente Signale:
- Du übernimmst Aufgaben, die deiner Positionierung entsprechen – und gibst andere bewusst ab.
- Du kommunizierst klar, was du übernehmen kannst und was nicht.
- Du sprichst an, wenn deine Werte dauerhaft verletzt werden (“Mir ist Verlässlichkeit wichtig. Wenn wir Zusagen machen, sollten wir sie einhalten oder rechtzeitig transparent machen, wenn es nicht klappt.”).
3. In deiner schriftlichen Kommunikation
E-Mails und Chat-Nachrichten sind ein unterschätzter Hebel für Positionierung. Achte darauf, dass du:
- klare Betreffzeilen nutzt (“Entscheidungsvorlage X”, “Rückfrage zu Y bis Freitag”);
- deine Empfehlungen deutlich markierst (“Mein Vorschlag: …”);
- Zeitgrenzen offen legst (“Ich kann das bis Dienstag übernehmen, danach bin ich in Projekt Z gebunden.”).
Je klarer du bist, desto leichter können andere mit dir arbeiten – und desto eher wirst du als ernstzunehmende:r Partner:in wahrgenommen.
Wenn das Umfeld an deinem alten Muster festhält
Ein spannender Nebeneffekt: Wenn du dich veränderst, reagiert dein Umfeld. Viele positiv – einige irritiert.
Typische Reaktionen, die ich in Coachings höre:
- “Du bist in letzter Zeit so direkt geworden.”
- “Früher warst du flexibler.”
- Ironische Kommentare, wenn du Grenzen setzt (“Na, jetzt wichtig geworden?”).
Das sagt oft mehr über die Gewohnheiten der anderen aus als über dich. Du kannst damit arbeiten, ohne in dein altes Muster zurückzufallen:
- Im Spiegel halten: “Ja, ich versuche gerade, klarer zu sein. Das fühlt sich noch ungewohnt an, ist mir aber wichtig.”
- Auf das gemeinsame Ziel verweisen: “Mir geht es darum, dass wir Prioritäten sauber setzen, damit wir als Team nicht permanent überlastet sind.”
- Humorvoll entkräften: “Stimmt, mein ‘Netto-Immer-Ja’-Abo habe ich gekündigt.”
Wer wirklich mit dir zusammenarbeiten will, wird sich an deine neue Klarheit gewöhnen. Wer vor allem dein altes Gefallen-Wollen genutzt hat, wird sich vielleicht zurückziehen. Das kann schmerzhaft, aber langfristig sehr entlastend sein.
Wie du merkst, dass du dich selbst ernster nimmst
Viele meiner Klient:innen merken nach einigen Wochen nicht nur äußerliche, sondern vor allem innere Veränderungen:
- Sie sind weniger erschöpft nach Arbeitstagen, obwohl die Aufgaben gleich geblieben sind.
- Sie grübeln weniger darüber, was andere denken könnten.
- Sie spüren wieder mehr Gestaltungsfreude statt Dauerdruck.
- Sie können Lob annehmen und Kritik einordnen, ohne in Selbstzweifel zu versinken.
Und häufig passiert etwas Spannendes: Je klarer sie sich positionieren, desto mehr werden sie genau dafür angefragt – für ihre Haltung, ihre Perspektive, ihre Art zu arbeiten. Also für das, was sie vorher aus Angst zurückgehalten haben.
Falls du nur eine Sache aus diesem Artikel mitnehmen willst, dann diese:
Deine Aufgabe im Job ist nicht, allen zu gefallen. Deine Aufgabe ist, mit deinen Stärken und Werten einen erkennbaren Beitrag zu leisten – und dazu gehört, dich selbst ernst zu nehmen.
Starte nicht mit einem radikalen Persönlichkeits-Upgrade. Starte mit einem kleinen, konkreten Experiment in der nächsten Woche. Einmal weniger gefallen wollen, einmal mehr Position beziehen. Der Rest ergibt sich Schritt für Schritt.