Perfektionismus loslassen: warum „gut genug“ deine karriere rettet und deine lebensqualität verbessert

Perfektionismus loslassen: warum „gut genug“ deine karriere rettet und deine lebensqualität verbessert

Du kennst den Satz: „Ich will es einfach ordentlich machen.“ Klingt harmlos. In der Praxis heißt es oft: Du sitzt eine Stunde länger an Folien, die längst gut sind. Du schiebst Projekte raus, weil sie „noch nicht perfekt“ sind. Du gehst erschöpft ins Bett – und dein Kopf läuft weiter.

Perfektionismus wird im Job gern als „Stärke“ verkauft. In meinen Coachings ist er einer der häufigsten Gründe für Erschöpfung, Selbstzweifel und Karriere-Stagnation. Und gleichzeitig einer der größten Hebel für mehr berufliche Wirksamkeit und Lebensqualität.

In diesem Artikel schauen wir uns an, warum „gut genug“ kein Absturz ins Mittelmaß ist, sondern eine sehr kluge Strategie – und wie du sie konkret im Arbeitsalltag übst.

Was Perfektionismus wirklich ist – und was nicht

Erstmal die gute Nachricht: Hohe Ansprüche an deine Arbeit sind nichts Schlechtes. Ohne Qualitätsbewusstsein würdest du wahrscheinlich nicht da stehen, wo du heute bist.

Problematisch wird es an dieser Schwelle:

  • Qualitätsanspruch: „Ich möchte solide, verlässliche Arbeit abliefern.“
  • Perfektionismus: „Es muss fehlerfrei sein. Sonst bin ich nicht kompetent genug.“

Der Unterschied ist subtil – aber entscheidend. Beim gesunden Qualitätsanspruch geht es um das Ergebnis. Beim Perfektionismus oft um deinen Selbstwert.

Ein paar typische Perfektionismus-Signale aus dem Arbeitsalltag:

  • Du brauchst extrem lange für Aufgaben, weil du „noch mal drübergehen“ musst – fünfmal.
  • Du vermeidest es, Zwischenergebnisse zu zeigen, aus Angst vor Kritik.
  • Du arbeitest oft länger als deine Kolleg:innen, ohne dauerhaft bessere Resultate.
  • Du fühlst dich innerlich nie wirklich zufrieden mit deiner Leistung.

Wenn du dich darin wiedererkennst: Du bist damit nicht allein. Viele Fach- und Führungskräfte mit starken Leistungen kämpfen mit genau diesen Mustern – still, nach außen souverän, innen im Dauer-Scan nach Fehlern.

Warum Perfektionismus deiner Karriere mehr schadet als nützt

In Unternehmen wird gerne gesagt: „Sie ist super genau, sie macht alles perfekt.“ Klingt nach Kompliment. Auf der Karriere-Ebene hat Perfektionismus aber oft Schattenseiten, die erst mit etwas Abstand sichtbar werden.

Was ich bei Kund:innen immer wieder beobachte:

  • Du priorisierst falsch. Du verbringst unverhältnismäßig viel Zeit mit Detailarbeit, statt an den Themen zu arbeiten, die wirklich Karriere-Relevanz haben (Strategie, Stakeholder, Sichtbarkeit).
  • Du delegierst zu wenig. Weil es „sonst nicht richtig gemacht“ wird, machst du vieles selbst. Ergebnis: Du bist operativ überlastet, aber strategisch unsichtbar.
  • Du wirst als langsam wahrgenommen. Dein Umfeld bewertet dich nach Output und Wirkung, nicht nach internem Perfektionslevel. Wenn andere schneller liefern, werden sie oft als „leistungsstärker“ wahrgenommen – selbst wenn deine Qualität objektiv etwas höher ist.
  • Du gerätst in die Überforderungsspirale. Du sagst zu vieles zu, unterschätzt den Aufwand (weil du automatisch in Perfektion denkst) und landest in Dauerstress. Das wirkt unzuverlässig – genau das, was du vermeiden willst.

Und dann gibt es noch einen stillen, aber wichtigen Karrierekiller: Perfektionismus verhindert Lernen.

Wer nur „fertige“, durchdachte Ideen teilt, bekommt wenig frühes Feedback. Das klingt edel, ist aber unpraktisch: Du merkst Probleme erst spät, wenn schon viel Zeit und Energie investiert ist. Die Kollegin, die „halbfertige“ Ideen zur Diskussion stellt, wirkt vielleicht chaotischer – lernt aber schneller und entwickelt sich sichtbar.

Wie „gut genug“ deine Leistung tatsächlich verbessert

„Gut genug“ klingt für viele Perfektionist:innen wie ein Verrat an den eigenen Standards. In der Realität ist es oft die Voraussetzung, um dauerhaft auf hohem Niveau zu arbeiten.

Warum?

  • Du nutzt dein Gehirn effizienter. Ab einem bestimmten Punkt steigt der Aufwand exponentiell, der Qualitätszuwachs aber nur minimal. „Gut genug“ hilft dir, diesen Punkt zu erkennen und deine Energie in neue, wichtige Themen zu stecken.
  • Du wirst verlässlicher. Wenn du nicht alles auf 120 % polierst, lieferst du öfter pünktlich – und deine Umgebung kann sich auf dich verlassen. Verlässlichkeit schlägt Perfektion fast immer.
  • Du schaffst Raum für echte Exzellenz. Wer alles perfekt machen will, kann nirgends exzellent sein. „Gut genug“ in Standardaufgaben verschafft dir Kapazität, bei wirklich strategischen Themen tief reinzugehen.
  • Du bist innovativer. Wer sich erlaubt, unfertige Dinge zu teilen, experimentiert mehr. Innovation braucht Fehler – Perfektionismus versucht, Fehler um jeden Preis zu vermeiden.

„Gut genug“ ist also nicht: „Ich mach halt irgendwas.“ Es ist: „Ich definiere bewusst, welches Qualitätsniveau für diese Aufgabe sinnvoll ist – und halte mich daran.“

Der innere Switch: Von „perfekt“ zu „zweckmäßig“ denken

Ein einfacher mentaler Trick, den ich mit vielen Kund:innen nutze: Ersetze im Kopf das Wort „perfekt“ durch „zweckmäßig“.

Statt: „Die Präsentation muss perfekt sein.“

Frage dich: „Wofür ist diese Präsentation da – und was ist dafür zweckmäßig genug?“

Das klingt banal, verschiebt aber deinen Fokus:

  • Weg von deinem Ego („Wie wirke ich?“)
  • Hin zur Funktion deiner Arbeit („Was braucht mein Gegenüber wirklich?“)

Beispiel aus einem Coaching:

Anna, Projektleiterin, sitzt nächtelang an Folien für ein internes Status-Update. Feinste Diagramme, polierte Formulierungen. Ergebnis: Sie ist erschöpft, die Folien liest trotzdem kaum jemand im Detail.

Als wir gemeinsam die Frage gestellt haben: „Wofür ist diese Präsentation eigentlich da?“, kam raus: Das Management will vor allem drei Dinge wissen – Risiko, Budget, nächste Meilensteine. Wir haben daraus ein „zweckmäßiges“ Ziel gemacht:

  • Maximal 10 Folien
  • Ein Slide pro Kernfrage (Risiko, Budget, Meilensteine)
  • Rest: Back-up, nur falls nachgefragt wird

Ihr Output wurde nicht schlechter – im Gegenteil: klarer, verständlicher, besser anschlussfähig. Und ihre Arbeitszeit für solche Präsentationen hat sich halbiert.

„Zweckmäßig“ ist das Lieblingswort deiner künftigen, entspannten Version.

Praktische Schritte, um „gut genug“ im Alltag zu üben

Theorie ist nett. Entscheidend ist, dass du dein Verhalten im Alltag anders programmierst. Hier ein pragmatischer Fahrplan.

1. Lege vorab ein Qualitätsniveau fest

Bevor du mit einer Aufgabe startest, beantworte drei Fragen (gern schriftlich):

  • Wofür ist diese Aufgabe da? (Zweck)
  • Wer ist die Zielgruppe? (Chef:in, Kund:in, Team…)
  • Welches Qualitätsniveau ist dafür angemessen? (Skala 1–10)

Beispiel:

  • E-Mail an Kolleg:innen: Zweck Info, internes Publikum, Qualitätsniveau 5/10
  • Konzept für Kund:in: Zweck Auftragsgewinn, extern, Qualitätsniveau 8/10
  • Interner Workshop-Entwurf: Testlauf, internes Publikum, Qualitätsniveau 6/10

Und dann hältst du dich daran. Wenn du merkst, dass du aus Gewohnheit auf 9 oder 10 schießt, stoppst du bewusst.

2. Arbeite mit Zeitboxen

Perfektion braucht offenen Raum. Grenzen begrenzen Perfektionismus.

Statt „Ich arbeite an dieser Aufgabe, bis sie sehr gut ist.“ -> „Ich gebe mir 45 Minuten Fokuszeit, danach ist Version 1 fertig.“

Timer stellen. Handy weg. Danach Liefern, nicht weiterpolieren – es sei denn, es gibt einen sehr guten Grund (nicht: „Es fühlt sich noch nicht gut an“).

3. Baue Feedback früher ein

Übe, unfertige Dinge zu zeigen. Das ist für Perfektionist:innen der Horror – und gleichzeitig der Turbo fürs Lernen.

Konkretes Experiment:

  • Schicke deinem Chef / deiner Chefin eine Skizze des Konzepts mit 5 Bulletpoints, bevor du 20 Seiten ausformulierst.
  • Frage in Meetings bewusst früh nach Rückmeldung: „Das ist noch ein grober Entwurf, ich hätte gern Feedback zum grundsätzlichen Ansatz.“

Zu 90 % ist das Feedback weniger vernichtend, als deine innere Kritikerin befürchtet. Und du sparst dir viele Überarbeitungsrunden.

4. Erlaube dir bewusst „B-Minus-Arbeit“

Ein Konzept aus der Psychologie (u. a. von der Psychologin Dr. Brené Brown populär gemacht): Erlaube dir in bestimmten Bereichen B-Minus-Arbeit. Nicht schlecht, nicht brillant – einfach solide.

Typische Kandidaten:

  • Interne Protokolle
  • Standard-E-Mails
  • Dokumentationen, die nur als Pflichtnachweis dienen

Starte mit einer Kategorie, bei der das Risiko minimal ist. Und dann beobachte: Was passiert wirklich, wenn du „nur“ solide ablieferst? In 95 % der Fälle: nichts. Außer, dass du Zeit und Nerven sparst.

Der innere Kritiker: Wie du mit ihm arbeitest, statt ihn zu bekämpfen

Perfektionismus ist selten nur eine „Macke“. Oft steckt dahinter ein ziemlich loyaler, innerer Anteil, der dich schützen will: vor Kritik, Ablehnung, Blamage.

Statt diesen Anteil zu bekämpfen („Ich darf nicht mehr perfektionistisch sein“), ist es hilfreicher, mit ihm zu verhandeln.

Ein kleines inneres Dialog-Experiment:

  • Schritt 1: Erkennen – „Ah, mein Perfektionist meldet sich. Er hat Angst, dass ich blöd dastehe.“
  • Schritt 2: Würdigen – „Danke, dass du auf meine Reputation aufpasst. Das war in der Vergangenheit oft hilfreich.“
  • Schritt 3: Begrenzen – „Für diese Aufgabe heute reicht Niveau 6/10. Ich verspreche dir, dass ich bei dem wichtigen Pitch nächste Woche auf 9/10 gehe.“

Ja, das fühlt sich am Anfang etwas esoterisch an. In der Praxis hilft es, innere Spannungen zu reduzieren und bewusster zu entscheiden, wann Perfektion hilfreich ist – und wann nicht.

Hilfreiche Fragen, die du dir stellen kannst:

  • Wovor möchte mich mein Perfektionismus gerade schützen?
  • Ist die Gefahr real – oder vor allem in meinem Kopf?
  • Was wäre ein erwachsenes, pragmatisches Risiko, das ich hier eingehen kann?

Typische Einwände – und was wirklich dahintersteckt

In Coachings kommen bei diesem Thema fast immer dieselben Sätze. Vielleicht kennst du sie.

„Aber die anderen verlassen sich doch auf meine Qualität.“

Stimmt – aber sie verlassen sich noch mehr auf deine Zusagen und Deadlines. Deine Aufgabe ist, eine gute Balance zu finden: verlässlich UND ausreichend gründlich. Nicht: perfekt, aber zu spät.

„In meiner Branche kann ich mir keine Fehler leisten.“

Es gibt Bereiche (Medizin, Luftfahrt, bestimmte Rechtsbereiche), in denen Fehler gravierende Folgen haben. Dort geht es aber um Sicherheit, nicht um perfekte Präsentationsfolien, Wortwahl in Mails oder 200 % Vorbereitung jedes Meetings. Sei ehrlich: Wo braucht es wirklich maximale Qualität – und wo erzählst du dir diese Geschichte nur, um deinen Perfektionismus zu rechtfertigen?

„Wenn ich weniger perfekt bin, falle ich im Vergleich ab.“

Langfristig sind die Leute erfolgreich, die priorisieren können, gut kommunizieren, sich weiterentwickeln und gesund bleiben. Perfektionismus auf Dauer kostet genau diese Fähigkeiten. Wer heute sichtbar „mehr“ macht, ist nicht automatisch derjenige, der in fünf Jahren vorne steht.

Mini-Experimente für die nächste Woche

Statt dein komplettes Mindset umzubauen, probiere kleine Experimente. Wähle drei aus, die dich leicht herausfordern, aber nicht in Panik versetzen.

  • Setze dir bei einer Routine-Aufgabe eine harte Zeitgrenze – und höre wirklich auf, wenn der Timer klingelt.
  • Schicke eine E-Mail raus, ohne sie dreimal gegenzulesen.
  • Zeige einer Kollegin einen halbfertigen Entwurf und bitte explizit um Feedback.
  • Formuliere bei der nächsten Präsentation ein „zweckmäßiges Ziel“ und eine Qualitätszahl (z. B. 7/10) – und halte dich daran.
  • Schreibe abends drei Dinge auf, die heute „gut genug“ waren, auch wenn dein innerer Kritiker nörgelt.

Nach einer Woche ziehst du Bilanz:

  • Was ist objektiv passiert?
  • Wo hattest du vorher Katastrophenfantasien – und was ist real eingetreten?
  • Was möchtest du beibehalten oder ausweiten?

Was sich verändert, wenn du Perfektionismus loslässt

Ich sehe es immer wieder: Wenn Menschen lernen, „gut genug“ ernst zu nehmen, passieren Dinge, die sich vorher nach Luxus angefühlt haben.

  • Sie gehen abends mit deutlich weniger mentalem Lärm nach Hause.
  • Sie erleben mehr positive Überraschungen im Feedback („Ach, das reicht euch tatsächlich?“).
  • Sie trauen sich eher, neue Aufgaben oder Rollen zu übernehmen, weil das Scheitern nicht mehr existenziell wirkt.
  • Sie haben wieder Energie für ihr Leben außerhalb des Jobs – Partner:in, Freunde, Sport, eigene Projekte.

Und ja: Manchmal kommen auch neue Spannungen. Kolleg:innen gewöhnen sich daran, dass du nicht mehr alles übererfüllst. Du sagst öfter „Stopp“ oder „So ist es ausreichend“. Das kann irritieren – ist aber ein gesunder Schritt Richtung berufliche Partnerschaft auf Augenhöhe statt stiller Überanpassung.

Am Ende geht es nicht darum, deine Standards zu verraten. Es geht darum, sie bewusster zu steuern. Perfektionismus hat dich wahrscheinlich weit gebracht – aber er wird dich nicht dahin bringen, wo du als nächstes hinwillst.

Wenn du den Satz „gut genug“ innerlich noch kaum aushältst, kannst du mit einer abgeschwächten Version starten: „Für heute ist es gut genug.“ Das öffnet die Tür einen Spalt. Den Rest kannst du nach und nach nachziehen.

Und vielleicht stellst du in ein paar Monaten fest: Dein „gut genug“ war schon immer ziemlich gut. Es musste nur nicht perfekt sein.