Lena Deutsch

Perfektionismus loslassen: warum „gut genug“ deine karriere rettet und deine lebensqualität verbessert

Perfektionismus loslassen: warum „gut genug“ deine karriere rettet und deine lebensqualität verbessert

Perfektionismus loslassen: warum „gut genug“ deine karriere rettet und deine lebensqualität verbessert

Du kennst den Satz: „Ich will es einfach ordentlich machen.“ Klingt harmlos. In der Praxis heißt es oft: Du sitzt eine Stunde länger an Folien, die längst gut sind. Du schiebst Projekte raus, weil sie „noch nicht perfekt“ sind. Du gehst erschöpft ins Bett – und dein Kopf läuft weiter.

Perfektionismus wird im Job gern als „Stärke“ verkauft. In meinen Coachings ist er einer der häufigsten Gründe für Erschöpfung, Selbstzweifel und Karriere-Stagnation. Und gleichzeitig einer der größten Hebel für mehr berufliche Wirksamkeit und Lebensqualität.

In diesem Artikel schauen wir uns an, warum „gut genug“ kein Absturz ins Mittelmaß ist, sondern eine sehr kluge Strategie – und wie du sie konkret im Arbeitsalltag übst.

Was Perfektionismus wirklich ist – und was nicht

Erstmal die gute Nachricht: Hohe Ansprüche an deine Arbeit sind nichts Schlechtes. Ohne Qualitätsbewusstsein würdest du wahrscheinlich nicht da stehen, wo du heute bist.

Problematisch wird es an dieser Schwelle:

Der Unterschied ist subtil – aber entscheidend. Beim gesunden Qualitätsanspruch geht es um das Ergebnis. Beim Perfektionismus oft um deinen Selbstwert.

Ein paar typische Perfektionismus-Signale aus dem Arbeitsalltag:

Wenn du dich darin wiedererkennst: Du bist damit nicht allein. Viele Fach- und Führungskräfte mit starken Leistungen kämpfen mit genau diesen Mustern – still, nach außen souverän, innen im Dauer-Scan nach Fehlern.

Warum Perfektionismus deiner Karriere mehr schadet als nützt

In Unternehmen wird gerne gesagt: „Sie ist super genau, sie macht alles perfekt.“ Klingt nach Kompliment. Auf der Karriere-Ebene hat Perfektionismus aber oft Schattenseiten, die erst mit etwas Abstand sichtbar werden.

Was ich bei Kund:innen immer wieder beobachte:

Und dann gibt es noch einen stillen, aber wichtigen Karrierekiller: Perfektionismus verhindert Lernen.

Wer nur „fertige“, durchdachte Ideen teilt, bekommt wenig frühes Feedback. Das klingt edel, ist aber unpraktisch: Du merkst Probleme erst spät, wenn schon viel Zeit und Energie investiert ist. Die Kollegin, die „halbfertige“ Ideen zur Diskussion stellt, wirkt vielleicht chaotischer – lernt aber schneller und entwickelt sich sichtbar.

Wie „gut genug“ deine Leistung tatsächlich verbessert

„Gut genug“ klingt für viele Perfektionist:innen wie ein Verrat an den eigenen Standards. In der Realität ist es oft die Voraussetzung, um dauerhaft auf hohem Niveau zu arbeiten.

Warum?

„Gut genug“ ist also nicht: „Ich mach halt irgendwas.“ Es ist: „Ich definiere bewusst, welches Qualitätsniveau für diese Aufgabe sinnvoll ist – und halte mich daran.“

Der innere Switch: Von „perfekt“ zu „zweckmäßig“ denken

Ein einfacher mentaler Trick, den ich mit vielen Kund:innen nutze: Ersetze im Kopf das Wort „perfekt“ durch „zweckmäßig“.

Statt: „Die Präsentation muss perfekt sein.“

Frage dich: „Wofür ist diese Präsentation da – und was ist dafür zweckmäßig genug?“

Das klingt banal, verschiebt aber deinen Fokus:

Beispiel aus einem Coaching:

Anna, Projektleiterin, sitzt nächtelang an Folien für ein internes Status-Update. Feinste Diagramme, polierte Formulierungen. Ergebnis: Sie ist erschöpft, die Folien liest trotzdem kaum jemand im Detail.

Als wir gemeinsam die Frage gestellt haben: „Wofür ist diese Präsentation eigentlich da?“, kam raus: Das Management will vor allem drei Dinge wissen – Risiko, Budget, nächste Meilensteine. Wir haben daraus ein „zweckmäßiges“ Ziel gemacht:

Ihr Output wurde nicht schlechter – im Gegenteil: klarer, verständlicher, besser anschlussfähig. Und ihre Arbeitszeit für solche Präsentationen hat sich halbiert.

„Zweckmäßig“ ist das Lieblingswort deiner künftigen, entspannten Version.

Praktische Schritte, um „gut genug“ im Alltag zu üben

Theorie ist nett. Entscheidend ist, dass du dein Verhalten im Alltag anders programmierst. Hier ein pragmatischer Fahrplan.

1. Lege vorab ein Qualitätsniveau fest

Bevor du mit einer Aufgabe startest, beantworte drei Fragen (gern schriftlich):

Beispiel:

Und dann hältst du dich daran. Wenn du merkst, dass du aus Gewohnheit auf 9 oder 10 schießt, stoppst du bewusst.

2. Arbeite mit Zeitboxen

Perfektion braucht offenen Raum. Grenzen begrenzen Perfektionismus.

Statt „Ich arbeite an dieser Aufgabe, bis sie sehr gut ist.“ -> „Ich gebe mir 45 Minuten Fokuszeit, danach ist Version 1 fertig.“

Timer stellen. Handy weg. Danach Liefern, nicht weiterpolieren – es sei denn, es gibt einen sehr guten Grund (nicht: „Es fühlt sich noch nicht gut an“).

3. Baue Feedback früher ein

Übe, unfertige Dinge zu zeigen. Das ist für Perfektionist:innen der Horror – und gleichzeitig der Turbo fürs Lernen.

Konkretes Experiment:

Zu 90 % ist das Feedback weniger vernichtend, als deine innere Kritikerin befürchtet. Und du sparst dir viele Überarbeitungsrunden.

4. Erlaube dir bewusst „B-Minus-Arbeit“

Ein Konzept aus der Psychologie (u. a. von der Psychologin Dr. Brené Brown populär gemacht): Erlaube dir in bestimmten Bereichen B-Minus-Arbeit. Nicht schlecht, nicht brillant – einfach solide.

Typische Kandidaten:

Starte mit einer Kategorie, bei der das Risiko minimal ist. Und dann beobachte: Was passiert wirklich, wenn du „nur“ solide ablieferst? In 95 % der Fälle: nichts. Außer, dass du Zeit und Nerven sparst.

Der innere Kritiker: Wie du mit ihm arbeitest, statt ihn zu bekämpfen

Perfektionismus ist selten nur eine „Macke“. Oft steckt dahinter ein ziemlich loyaler, innerer Anteil, der dich schützen will: vor Kritik, Ablehnung, Blamage.

Statt diesen Anteil zu bekämpfen („Ich darf nicht mehr perfektionistisch sein“), ist es hilfreicher, mit ihm zu verhandeln.

Ein kleines inneres Dialog-Experiment:

Ja, das fühlt sich am Anfang etwas esoterisch an. In der Praxis hilft es, innere Spannungen zu reduzieren und bewusster zu entscheiden, wann Perfektion hilfreich ist – und wann nicht.

Hilfreiche Fragen, die du dir stellen kannst:

Typische Einwände – und was wirklich dahintersteckt

In Coachings kommen bei diesem Thema fast immer dieselben Sätze. Vielleicht kennst du sie.

„Aber die anderen verlassen sich doch auf meine Qualität.“

Stimmt – aber sie verlassen sich noch mehr auf deine Zusagen und Deadlines. Deine Aufgabe ist, eine gute Balance zu finden: verlässlich UND ausreichend gründlich. Nicht: perfekt, aber zu spät.

„In meiner Branche kann ich mir keine Fehler leisten.“

Es gibt Bereiche (Medizin, Luftfahrt, bestimmte Rechtsbereiche), in denen Fehler gravierende Folgen haben. Dort geht es aber um Sicherheit, nicht um perfekte Präsentationsfolien, Wortwahl in Mails oder 200 % Vorbereitung jedes Meetings. Sei ehrlich: Wo braucht es wirklich maximale Qualität – und wo erzählst du dir diese Geschichte nur, um deinen Perfektionismus zu rechtfertigen?

„Wenn ich weniger perfekt bin, falle ich im Vergleich ab.“

Langfristig sind die Leute erfolgreich, die priorisieren können, gut kommunizieren, sich weiterentwickeln und gesund bleiben. Perfektionismus auf Dauer kostet genau diese Fähigkeiten. Wer heute sichtbar „mehr“ macht, ist nicht automatisch derjenige, der in fünf Jahren vorne steht.

Mini-Experimente für die nächste Woche

Statt dein komplettes Mindset umzubauen, probiere kleine Experimente. Wähle drei aus, die dich leicht herausfordern, aber nicht in Panik versetzen.

Nach einer Woche ziehst du Bilanz:

Was sich verändert, wenn du Perfektionismus loslässt

Ich sehe es immer wieder: Wenn Menschen lernen, „gut genug“ ernst zu nehmen, passieren Dinge, die sich vorher nach Luxus angefühlt haben.

Und ja: Manchmal kommen auch neue Spannungen. Kolleg:innen gewöhnen sich daran, dass du nicht mehr alles übererfüllst. Du sagst öfter „Stopp“ oder „So ist es ausreichend“. Das kann irritieren – ist aber ein gesunder Schritt Richtung berufliche Partnerschaft auf Augenhöhe statt stiller Überanpassung.

Am Ende geht es nicht darum, deine Standards zu verraten. Es geht darum, sie bewusster zu steuern. Perfektionismus hat dich wahrscheinlich weit gebracht – aber er wird dich nicht dahin bringen, wo du als nächstes hinwillst.

Wenn du den Satz „gut genug“ innerlich noch kaum aushältst, kannst du mit einer abgeschwächten Version starten: „Für heute ist es gut genug.“ Das öffnet die Tür einen Spalt. Den Rest kannst du nach und nach nachziehen.

Und vielleicht stellst du in ein paar Monaten fest: Dein „gut genug“ war schon immer ziemlich gut. Es musste nur nicht perfekt sein.

Quitter la version mobile