Lena Deutsch

Werteorientierte karriereentscheidungen: ein praktischer kompass für stimmige berufswege

Werteorientierte karriereentscheidungen: ein praktischer kompass für stimmige berufswege

Werteorientierte karriereentscheidungen: ein praktischer kompass für stimmige berufswege

Du sitzt vor einer spannenden Stellenausschreibung, die „objektiv“ perfekt aussieht: gutes Gehalt, großer Name, spannende Aufgaben. Und trotzdem hast du dieses leichte Ziehen im Bauch: Irgendetwas passt nicht – aber du kannst nicht genau sagen, was.

Genau hier kommen deine Werte ins Spiel.

Werteorientierte Karriereentscheidungen sind kein esoterischer Luxus, sondern ein sehr praktisches Steuerungsinstrument. Wenn du weißt, was dir wirklich wichtig ist, werden berufliche Entscheidungen klarer, Konflikte erklärbarer und dein roter Faden im Lebenslauf sichtbarer – vor allem für dich selbst.

In diesem Artikel bekommst du keinen Wertepersönlichkeitstest mit bunter Auswertung, sondern einen pragmatischen Kompass, den du direkt für deine nächsten Karriereentscheidungen nutzen kannst.

Was heißt überhaupt „werteorientiert entscheiden“?

Viele meiner Coachees sagen am Anfang Sätze wie:

Das sind erste Hinweise auf Werte – aber noch sehr grob. Werteorientiert entscheiden bedeutet:

Es geht also nicht darum, „moralisch richtig“ zu entscheiden, sondern stimmig für dich zu entscheiden. Und diese Stimmigkeit ist extrem praktisch: Sie reduziert Grübel-Schleifen, erklärt deine Unzufriedenheit und gibt dir Argumente in Gesprächen mit Vorgesetzten oder HR.

Warum fehlende Werteorientierung so teuer wird

Ein paar typische Muster aus dem Coaching, wenn Werte im Job dauerhaft verletzt werden:

Spannend: Viele Menschen bemerken Werte-Konflikte zuerst körperlich – Schlafprobleme, Verspannungen, dauernde Gereiztheit – und erst viel später auf der kognitiven Ebene. „Eigentlich ist doch alles gut“ ist einer der Sätze, bei denen bei mir die Alarmglocken angehen.

Auf der anderen Seite erlebe ich regelmäßig, wie sich bei Coachees plötzlich der Nebel lichtet, wenn wir ihre Werte sauber herausarbeiten. Entscheidungen, an denen sie seit Monaten kauen, werden in einer Session plötzlich deutlich einfacher.

Dein Werte-Inventory: Was dir wirklich wichtig ist

Bevor du mit deinem Kompass navigieren kannst, musst du wissen, was du da eigentlich in der Hand hältst. Ein paar klassische Werte aus dem beruflichen Kontext:

Wichtig: Es geht nicht darum, die „richtigen“ Werte zu haben. Es geht darum, deine zu kennen – inklusive der, die nicht so instagramtauglich sind. „Status“, „Geld“ oder „Wettbewerb“ sind genauso legitime Werte wie „Sinn“ oder „Nachhaltigkeit“.

Ein kurzer Übungsweg, den ich gerne nutze:

1. Rückblick auf Hoch- und Tiefpunkte

Notiere dir drei berufliche Situationen, in denen du dich besonders lebendig, stolz oder zufrieden gefühlt hast. Und drei, in denen du extrem frustriert, wütend oder leer warst.

Frage dich zu jeder Situation:

2. Erste Werteliste ableiten

Sammle alle Werte-Begriffe, die dir einfallen. Am Anfang werden das eher Schlagworte sein. Lass das zu.

3. Fokus schärfen

Stell dir vor, du müsstest dich auf fünf Werte beschränken, die in deinem Berufsleben unbedingt vorkommen sollen. Welche sind das? Und wenn du nur noch drei behalten dürftest?

Diese Reduktion ist anstrengend – und genau das macht sie wertvoll. Du beginnst zu priorisieren statt nur zu sammeln.

Vom schönen Wort zur Alltagssituation

„Teamgeist“, „Sinn“ oder „Freiheit“ klingen gut, sind aber zunächst leer. Der entscheidende Schritt ist, sie übersetzbar zu machen in konkrete Arbeitssituationen. Sonst bleibt dein Werte-Kompass theoretisch.

Nimm dir einen deiner Top-Werte und beantworte schriftlich folgende Fragen:

Ein Mini-Beispiel aus einem Coaching:

Eine Führungskraft nannte als wichtigsten Wert „Verantwortung“. Im Alltag hieß das für sie:

Als wir uns ihre unzufriedenen Phasen ansahen, fiel auf: Immer dann, wenn Entscheidungen „oben“ getroffen wurden und sie diese nur noch kommunizieren durfte, war sie massiv frustriert. Das Problem war also nicht „die Firma“, sondern ein systematischer Wert-Konflikt zwischen ihrem Verantwortungsanspruch und der sehr zentralistischen Führungskultur.

Dein Werte-Kompass für konkrete Karriereentscheidungen

Jetzt der praktische Teil: Wie nutzt du das Ganze, wenn du vor einer echten Entscheidung stehst? Zum Beispiel:

Statt nur Pro-und-Contra-Listen zu schreiben, kannst du deine Top-Werte systematisch als Bewertungsraster nutzen.

Schritt 1: Werte als Kriterien definieren

Nimm deine drei bis fünf wichtigsten Werte und schreibe daneben, wie sich „gut erfüllt“ im neuen Kontext konkret zeigen würde. Beispiel für den Wert „Autonomie“:

Schritt 2: Optionen bewerten

Nimm dir zwei oder drei konkrete Optionen (z. B. aktueller Job, neues Angebot A, neues Angebot B) und bewerte sie für jeden Wert auf einer Skala von 1–10: Wie stark wäre dieser Wert in dieser Option erfüllt?

Das ist keine exakte Wissenschaft, aber es zwingt dich, deine Bauchgefühle zu differenzieren und zu begründen.

Schritt 3: Muster erkennen

Schau dir anschließend drei Dinge an:

Eine Coachee von mir stand zwischen einer Beförderung in ihrem Konzern und einem Wechsel in ein kleineres Unternehmen. Auf dem Papier war die Beförderung attraktiver: mehr Geld, mehr Status. Die Werteanalyse zeigte aber: „Autonomie“, „Sinn“ und „Lernkurve“ waren im kleineren Unternehmen deutlich höher, „Sicherheit“ und „Prestige“ im Konzern. Als ihr klar war, dass sie bewusst Sicherheit gegen Entwicklung tauscht, verschwand die Angst, „unvernünftig“ zu sein.

Wenn Werte aufeinanderprallen: innere Zielkonflikte klären

Besonders spannend (und anstrengend) wird es, wenn deine eigenen Werte miteinander in Konflikt geraten. Klassiker:

Diese Konflikte lassen sich selten komplett auflösen – aber sie lassen sich bewusst gestalten. Ein paar Leitfragen, die ich dafür im Coaching nutze:

Ein Beispiel: Ein Klient mit starkem Wert „Verantwortung“ (beruflich) und ebenso starkem Wert „Präsenz in der Familie“ bekam sein schlechtes Gewissen kaum in den Griff. Als wir die Zeitschiene ins Spiel brachten, wurde klar: Für die nächsten fünf Jahre hat Familie Priorität. Verantwortung im Job heißt in dieser Phase vor allem, sein Team gut zu führen – nicht, jede Karrierechance anzunehmen. Das entlastet enorm, weil er bewusst gegen, nicht „aus Versehen“ an einer Beförderung vorbeigeht.

Werte im bestehenden Job leben – statt sofort zu kündigen

Wertearbeit führt nicht automatisch zur radikalen Kündigung und dem Traumstart-up. Oft lässt sich schon viel verändern, indem du deinen aktuellen Job wertefreundlicher gestaltest.

Stell dir zu jedem deiner Top-Werte drei Fragen:

Konkrete Hebel können sein:

Eine Coachee mit starkem Wert „Sinn“ war frustriert, weil ihr Konzern keine „Weltrettungsprodukte“ herstellte. Kündigen wollte sie aber auch nicht. Am Ende hat sie intern eine Azubi-Mentoring-Initiative aufgebaut und sich in einem CSR-Projekt engagiert. Der Kernjob blieb gleich, aber der Anteil sinnstiftender Aktivitäten stieg – und damit ihre Gesamtzufriedenheit.

Wie du deine Werte gegen äußeren Druck verteidigst

Selbst wenn du deine Werte klar hast: Der Alltag testet sie regelmäßig. Vorgesetzte, die andere Prioritäten haben, Kolleg:innen, die „doch nur kurz“ etwas brauchen, Familienerwartungen, gesellschaftliche Bilder von Erfolg.

Drei Tools, die sich in der Praxis bewährt haben:

1. Werte-Satz für schwierige Situationen

Formuliere für deine ein bis zwei wichtigsten Werte einen einfachen Merksatz, den du innerlich aufrufen kannst, wenn du unter Druck gerätst. Zum Beispiel:

Das klingt banal, ist aber gerade in Stressmomenten eine gute innere Leitplanke.

2. Grenzen wertebasiert kommunizieren

Statt nur „Nein“ zu sagen, kannst du deine Werte als Begründung nutzen. Beispiel:

Du positionierst dich damit klarer – und andere verstehen besser, woher dein Verhalten kommt.

3. Mini-Check vor großen Zusagen

Bevor du zu einem großen Projekt, einer neuen Rolle oder einer langfristigen Verpflichtung Ja sagst, stell dir zwei Fragen:

Wenn du auf beide Fragen keine klare Antwort hast, lohnt sich eine Nacht drüber schlafen – oder ein Gespräch mit einer neutralen Person.

Wenn sich deine Werte verändern – oder du sie neu sortieren musst

Noch ein Punkt, den viele unterschätzen: Werte sind nicht in Stein gemeißelt. Sie sind relativ stabil, aber ihre Gewichtung kann sich mit Lebensphasen, Erfahrungen oder Krisen verschieben.

Typische Wendepunkte:

Deshalb empfehle ich, dein Werte-Set etwa einmal im Jahr bewusst anzuschauen – wie einen Jahrescheck beim Auto:

Diese Reflexion wirkt rückwärtsklärend („Darum hat sich das so falsch angefühlt“) und zukunftsweisend („Deshalb mache ich dieses Mal X anders“).

Wie du jetzt konkret starten kannst

Damit das Ganze nicht eine nette theoretische Übung bleibt, hier ein komprimierter Fahrplan für die nächsten Tage:

Werteorientierte Karriereentscheidungen sind kein einmaliger Workshop, den man abhakt, sondern eine Art inneres Betriebssystem, das du immer wieder updatest. Je klarer du darin wirst, desto leichter fallen dir auch unangenehme Schritte – weil du weißt, wofür du sie gehst.

Und falls du gerade an einer großen Weichenstellung stehst und das Gefühl hast, dass alles irgendwie „vernünftig“ wirkt, aber nicht stimmig: Nimm das ernst. Oft ist das keine Unentschlossenheit, sondern dein innerer Kompass, der sich bemerkbar macht – du musst ihm nur noch eine verständliche Sprache geben.

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