Lena Deutsch

Neurodiversität im job: stärken erkennen und nutzen statt nur defizite zu sehen

Neurodiversität im job: stärken erkennen und nutzen statt nur defizite zu sehen

Neurodiversität im job: stärken erkennen und nutzen statt nur defizite zu sehen

„Ich bin einfach zu chaotisch für diesen Job.“

„Ohne meine zehnte To-do-App wäre ich längst rausgeflogen.“

„Mein Gehirn funktioniert anders – aber im Unternehmen interessiert das niemanden, solange ich keine Fehler mache.“

Solche Sätze höre ich in Coachings ständig. Und sehr oft steckt dahinter: Neurodiversität. Also Menschen, deren Gehirn anders arbeitet als die vermeintliche „Norm“ – ob mit ADHS, Autismus, Dyslexie, Hochsensibilität oder Mischformen.

Die spannende Frage ist nicht: „Bin ich normal?“, sondern: Wie kann ich mit meinem Gehirn so arbeiten, dass es mir und meinem Job guttut?

Was bedeutet Neurodiversität im Job wirklich?

Neurodiversität beschreibt die natürliche Vielfalt von Gehirnen. So wie es unterschiedliche Körper gibt, gibt es unterschiedliche Wahrnehmungs- und Denkweisen. Manche davon sind medizinisch klassifiziert (ADHS, Autismus, Dyslexie usw.), andere nicht.

Wichtig: Neurodiversität ist keine Mode, kein „Trend“ auf LinkedIn und auch kein „Ausrede-Etikett“ für Unlust. Es geht um echte Unterschiede darin, wie Aufmerksamkeit, Reizverarbeitung, Planung, Empathie und Kreativität funktionieren.

Typische neurodiverse Muster sind zum Beispiel:

Das kann im Job nerven, überfordern, ausbremsen – und gleichzeitig enorme Stärken freisetzen. Genau da setzen wir jetzt an.

Vom Defizitblick zur Stärkenbrille

In vielen Unternehmen läuft es so:

Die neurodiverse Person fällt erst dann auf, wenn etwas „nicht funktioniert“:

Dann startet die Defizitspirale: Entwicklungsplan, Kritikgespräche, „mehr Disziplin“, vielleicht ein Time-Management-Seminar. Das Grundmuster des Gehirns bleibt natürlich gleich – aber die Scham steigt, das Selbstvertrauen sinkt.

Ein Beispiel aus meinem Coaching (mit Erlaubnis anonymisiert):

„Markus“, Projektleiter in einem Tech-Unternehmen, ADHS-Diagnose seit zwei Jahren. Sein Feedback im Jahresgespräch:

Was in dem Gespräch nicht vorkam:

Das Problem war also nicht Markus selbst, sondern der Blick auf ihn. Der Job war nur auf seine Defizite eingestellt, nicht auf seine Stärken. Genau dort kannst du ansetzen – egal, ob du selbst betroffen bist oder Menschen führst.

Typische neurodiverse Profile – typische Stärken

Kein Mensch ist nur eine Diagnose. Aber bestimmte neurodiverse Muster bringen oft bestimmte Stärkepakete mit sich. Ein paar vereinfachte, aber hilfreiche Kategorien:

ADHS / ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung)

Autistisches Spektrum

Dyslexie, Dyskalkulie & Co.

Das Entscheidende: Die Stärke und die Schwierigkeit sind zwei Seiten derselben Medaille. Dein Job ist, die Seite zu finden, mit der du arbeiten willst – und die andere so zu managen, dass sie dich nicht ausbremst.

Bin ich (oder mein Mitarbeiter) neurodivers? Erste Orientierungsfragen

Das hier ersetzt keine Diagnose. Aber es hilft dir, Muster zu erkennen und anders mit ihnen umzugehen. Frag dich (oder als Führungskraft: beobachte), ob du dich hier wiederfindest:

Wenn du innerlich bei mehreren Punkten nickst, lohnt sich: genauer hinschauen – ohne Drama, ohne Selbstdiagnose-Panik.

Eigene Stärken erkennen: ein Mini-Framework

Statt ewig zu grübeln, ob du „offiziell neurodivers“ bist, kannst du pragmatisch starten: mit deiner persönlichen Stärken-Landkarte. Ein kurzes Framework, das ich oft im Coaching nutze:

Schritt 1: Sammle deine „Energie-Momente“

Nimm dir eine Woche und notiere dir am Ende jedes Tages:

Schritt 2: Sammle deine „Reibungs-Momente“

Genauso wichtig:

Schritt 3: Erkenne Muster

Nach einer Woche setzt du dich hin und suchst Muster:

Schritt 4: Formuliere 3–5 Arbeitsprinzipien

Jetzt übersetzt du diese Muster in klare Sätze, zum Beispiel:

Das sind keine Sonderwünsche. Das ist dein individuelles Bedienungsmanual. Genau damit kannst du im Job anders verhandeln.

Wie du deine Stärken im Arbeitsalltag wirklich nutzt

Stärken kennen ist schön – entscheidend ist, was du damit tust. Ein paar sehr konkrete Stellschrauben:

1. Aufgabenportfolio justieren

Schau dir deine Aufgabenliste an und markiere drei Kategorien:

Dann frage dich:

2. Arbeitsrhythmus anpassen

Gerade bei ADHS- und autistischen Profilen ist Timing entscheidend:

3. Umgebungsfaktoren managen

Typische, oft unterschätzte Hebel:

4. Offene Kommunikation – dosiert und bewusst

Ob du offen über eine Diagnose sprichst, ist deine Entscheidung. Aber du kannst auch ohne Label über deine Arbeitsweise sprechen. Zum Beispiel so:

Führungskräfte: So holst du das Beste aus neurodiversen Talenten

Falls du Menschen führst, ist Neurodiversität nicht „Nice to have“, sondern Business-Thema. Du kannst damit Produktivität, Innovation und Mitarbeiterbindung massiv beeinflussen.

1. Nicht pathologisieren – verstehen

Wenn jemand „schwierig“ wirkt, frag dich zuerst:

Stell Fragen wie:

2. Rollen und Aufgaben stärkenorientiert zuschneiden

Statt alle über dieselbe Schablone zu ziehen, kannst du differenzieren:

3. Struktur geben statt micromanagen

Neurodiverse Mitarbeitende profitieren oft von:

4. Psychologische Sicherheit schaffen

Wer Angst hat, „falsch“ zu sein, wird dir seine eigentlichen Stärken und Bedürfnisse nicht zeigen. Hilfreiche Signale:

Wenn es trotzdem hakt: Grenzen, Hilfe, Diagnose?

Manchmal reichen Selbstreflexion und kleine Anpassungen nicht. Ein paar Anzeichen, dass du dir zusätzliche Unterstützung holen solltest:

Dann kann es sinnvoll sein:

Eine Diagnose ist kein Makel, sondern ein Erklärungsrahmen. Sie kann Türen öffnen: für offizielle Nachteilsausgleiche, flexible Arbeitszeiten, Homeoffice-Optionen, technische Hilfen oder einfach mehr Verständnis.

Aktiv gestalten statt heimlich kompensieren

Viele meiner Coachees haben jahrelang versucht, „unauffällig“ zu funktionieren. Sie haben sich angepasst, kompensiert, perfektioniert – und dabei oft ihre eigentlichen Talente kleingehalten.

Neurodiversität im Job produktiv zu nutzen heißt nicht:

Sondern eher:

Du musst dafür nicht dein komplettes Berufsleben umkrempeln. Fang klein an:

Neurodiversität ist kein Fehler im System. Sie ist Teil des Systems – und oft der Teil, der Innovation, Tiefe und echte Veränderung möglich macht. Die Aufgabe im Job ist nicht, diese Unterschiede wegzubügeln, sondern sie so zu gestalten, dass du mit deinem Gehirn arbeiten kannst statt gegen es.

Und falls du beim Lesen gedacht hast: „Ja, vieles davon bin ich“ – dann nimm das weniger als Diagnose und mehr als Einladung. Eine Einladung, dich selbst ernster zu nehmen, anders zu planen, mutiger zu kommunizieren und deinen Job ein Stück mehr an dein Gehirn anzupassen. Nicht umgekehrt.

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