Warum dein Leben kein Fünfjahresplan sein muss
Wenn ich mit Klient:innen über ihre berufliche Zukunft spreche, höre ich oft zwei Sätze:
„Ich müsste mich endlich entscheiden.“ und „Was, wenn ich mich falsch entscheide?“
Dahinter steckt ein Bild vom Leben als Lineal: Ausbildung – Job – Beförderung – nächster Job – Rente. Möglichst ohne Brüche, bitte. Nur: So funktioniert Arbeit heute fast nie mehr. Branchen verändern sich, Jobprofile verschwinden, neue entstehen. Und wir selbst verändern uns auch.
Genau hier setzt Life Design an: Du begreifst dein Leben nicht als Projekt mit perfektem Masterplan, sondern als Serie von Experimenten. Kleine Versuche, aus denen du lernst, die du anpasst – und so Schritt für Schritt deine beruflichen Weichen neu stellst.
In diesem Artikel schauen wir uns an, wie das konkret aussehen kann. Ohne Esoterik, ohne „Folge einfach deiner Passion“-Parolen. Sondern mit klaren Schritten, die du direkt testen kannst.
Was bedeutet Life Design eigentlich (praktisch)?
Life Design ist angelehnt an „Design Thinking“: Produkte werden nicht am Reißbrett perfekt geplant, sondern iterativ entwickelt, getestet, verbessert. Statt monatelang zu grübeln, geht man früh raus: Prototyp bauen, Nutzer beobachten, lernen, anpassen.
Übertragen auf dein Leben heißt das:
Life Design ist kein „Alles hinschmeißen und digitaler Nomade werden“. Es ist eher: bewusst mit Hypothesen arbeiten („Vielleicht passt Job X besser zu mir“), diese Hypothesen pragmatisch testen und aus den Ergebnissen sinnvolle nächste Schritte ableiten.
Typische Ausgangssituationen: Wo du Life Design gut einsetzen kannst
Ein paar Beispiele aus meiner Coaching-Praxis, bei denen Life Design besonders hilfreich ist:
In all diesen Fällen ist der Versuch, erst mal „im Kopf“ die perfekte Entscheidung zu treffen, meistens blockierend. Besser: raus aus dem Grübeln, rein in kleine, steuerbare Experimente.
Schritt 1: Deine aktuelle Ausgangslage ehrlich anschauen
Bevor du irgendetwas neu designst, brauchst du einen klaren Blick auf das, was ist. Nicht dramatisieren, nicht schönreden.
Ein kurzer Check, den ich häufig nutze: Zeichne einen Kreis und teile ihn in vier Bereiche – Arbeit, Gesundheit, Beziehungen, persönliche Entwicklung. Gib jedem Bereich spontan eine Schulnote von 1 (sehr gut) bis 5 (mangelhaft).
Dann stell dir für den Bereich „Arbeit“ folgende Fragen und schreibe stichwortartig auf:
Hier geht es nicht um ein perfektes Selbstbild, sondern um eine nüchterne Bestandsaufnahme. Das ist deine Ausgangsbasis für Experimente. Wenn du nicht weißt, wo du stehst, kannst du schwer entscheiden, in welche Richtung du testen willst.
Schritt 2: Deine Annahmen sichtbar machen
Die meisten beruflichen Entscheidungen scheitern nicht an Fakten, sondern an stillen Annahmen im Hintergrund. Typische Sätze, die ich höre:
Schreibe deine eigenen Annahmen einmal radikal ehrlich auf. Zum Beispiel:
Diese Liste ist dein Rohmaterial. Im Life Design behandeln wir solche Sätze als Hypothesen – nicht als Wahrheiten. Und Hypothesen kann man testen.
Schritt 3: Drei alternative Zukunftsszenarien entwerfen
Ein zentraler Baustein aus dem Life-Design-Ansatz (u.a. nach Burnett & Evans) ist die Idee, nicht nur einen Plan A zu haben, sondern mindestens drei „Odysseen“ zu entwerfen – grobe Entwürfe deines Lebens in den nächsten 3–5 Jahren.
Nimm dir Papier oder ein digitales Dokument und skizziere:
Für jedes Szenario beantwortest du:
Wichtig: Es geht nicht darum, dich sofort zu entscheiden. Es geht darum, Optionen sichtbar zu machen, statt im diffusen „Ich könnte ja theoretisch alles machen“ stecken zu bleiben.
Schritt 4: Prototypen bauen – kleine Experimente statt großer Sprung
Jetzt wird es praktisch. Prototypen bedeutet im Life Design: Du findest Wege, eine Version deiner Zukunft im Kleinen zu testen, ohne gleich alles umzuwerfen.
Typische Prototyp-Formate:
Ein Beispiel aus einem Coaching: Eine Klientin aus dem Controlling hatte die vage Idee, „irgendwas mit Personalentwicklung“ zu machen. Anstatt sofort eine teure Weiterbildung zu starten, hat sie drei Prototypen gebaut:
Ergebnis nach drei Monaten: Ja, sie hatte Spaß an der Arbeit mit Menschen – aber nicht an klassischer HR-Administration. Ihr Prototyp hat ihr geholfen, die Richtung feiner einzustellen, bevor sie die große Entscheidung traf.
Schritt 5: Jedes Experiment systematisch auswerten
Experimente bringen nur etwas, wenn du bewusst hinschaust, was sie dir zeigen. Sonst sammelst du Erfahrungen wie bunte Post-its – nett, aber unstrukturiert.
Nach jedem Prototyp stell dir drei einfache Fragen:
Optional: Gib deinem Experiment eine Schulnote von 1–5, bezogen auf zwei Kriterien:
Muster erkennst du erst, wenn du mehrere Prototypen gemacht und ausgewertet hast. Vielleicht stellst du fest, dass du immer dann aufblühst, wenn du moderierst oder vermittelst – egal ob im Tech-Umfeld oder im sozialen Bereich. Oder du merkst, dass dir nicht „die Branche“ wichtig ist, sondern die Freiheit, deinen Tag selbst zu strukturieren.
Wie du Risiko und Sicherheit in Balance hältst
Einer der größten Einwände gegen Life Design ist: „Schön und gut, aber ich kann mir keine Experimente leisten.“
Gleichzeitig erlebe ich selten, dass Menschen wirklich null Spielraum haben. Was fehlt, ist meist nicht die Möglichkeit, sondern der Rahmen. Ein paar Leitplanken, die ich mit Klient:innen gern setze:
Life Design heißt nicht, alles auf eine Karte zu setzen. Im Gegenteil: Du minimierst Risiko, indem du viele kleine, reversible Schritte gehst, statt einen einzigen riesigen, irreversiblen Sprung zu machen.
Mit Widerständen konstruktiv umgehen
Wenn du dein Leben experimenteller gestalten willst, stößt du fast automatisch auf Widerstand – innerlich und äußerlich.
Innere Stimmen klingen zum Beispiel so:
Äußere Stimmen können sein:
Statt gegen diese Stimmen anzukämpfen, kannst du sie als Informationsquellen nutzen:
Ein kleiner Trick: Formuliere deinen nächsten Schritt so klein und konkret, dass er fast lächerlich ungefährlich wirkt. Zum Beispiel:
Oft beruhigen sich innere und äußere Kritiker:innen, wenn klar ist: Es geht nicht um den radikalen Kahlschlag, sondern um ein wohlüberlegtes, überschaubares Experiment.
Life Design im Alltag verankern: kleine Routinen mit großer Wirkung
Damit dein Leben nicht nur ein einmaliges „Life-Design-Workshop-Wochenende“ bleibt, brauchst du Routinen. Drei einfache Gewohnheiten, die sich bewährt haben:
1. Wöchentlicher Check-in (15 Minuten)
Einfach kurz notieren – in einem Notizbuch oder digital. Nach ein paar Wochen erkennst du Muster.
2. Monats-Experiment definieren
Statt alles gleichzeitig verändern zu wollen, legst du pro Monat ein Life-Design-Experiment fest. Zum Beispiel:
Am Monatsende bewertest du: Beibehalten, anpassen oder verwerfen?
3. „Freude- und Frustanalyse“ alle drei Monate
Nimm dir einmal im Quartal eine Stunde und geh deine Notizen durch. Markiere:
Aus dieser Analyse leitest du deine nächsten Experimente ab. So wächst dein Life Design organisch mit dir mit, statt ein starres Konzept zu bleiben.
Wenn du die beruflichen Weichen wirklich neu stellen willst
Vielleicht merkst du beim Lesen: Kleine Experimente sind gut – aber eigentlich brauchst du eine deutlichere Kurskorrektur. Neues Feld, anderes Arbeitsmodell, vielleicht auch ein anderer Ort.
Auch dafür kannst du Life Design nutzen, statt ins Schwarz-Weiß („alles oder nichts“) zu rutschen:
Eine wichtige Frage, die ich in solchen Prozessen oft stelle: „Wenn du so weitermachst wie bisher – wie sieht dein Arbeitsleben in drei Jahren aus?“ Und dann: „Wenn du dir erlaubst, in kleinen Schritten in Richtung deines Wunschbildes zu gehen – was wäre in drei Jahren realistisch möglich?“
Zwischen „alles bleibt wie es ist“ und „ich werfe alles hin und starte bei null“ gibt es sehr viele Zwischentöne. Life Design hilft dir, diese Zwischenstufen zu sehen und zu nutzen.
Dein nächster konkreter Schritt
Theorie ist nett, aber Veränderung startet mit einer Handlung. Wenn du magst, nimm dir jetzt zehn Minuten und wähle einen der folgenden Schritte aus – und setze ihn heute oder diese Woche um:
Life Design bedeutet nicht, dass du ab morgen ein komplett anderes Leben führen musst. Es bedeutet, dass du heute beginnst, anders zu denken und anders zu entscheiden – in Richtung eines Alltags, der besser zu dir passt.
Der Rest ist: testen, beobachten, anpassen. Immer wieder. Und genau das ist die gute Nachricht: Du musst nicht alles wissen, bevor du losgehst. Du darfst unterwegs herausfinden, wer du wirst.
