Lena Deutsch

Life design: dein leben wie ein experiment gestalten und berufliche weichen neu stellen

Life design: dein leben wie ein experiment gestalten und berufliche weichen neu stellen

Life design: dein leben wie ein experiment gestalten und berufliche weichen neu stellen

Warum dein Leben kein Fünfjahresplan sein muss

Wenn ich mit Klient:innen über ihre berufliche Zukunft spreche, höre ich oft zwei Sätze:

„Ich müsste mich endlich entscheiden.“ und „Was, wenn ich mich falsch entscheide?“

Dahinter steckt ein Bild vom Leben als Lineal: Ausbildung – Job – Beförderung – nächster Job – Rente. Möglichst ohne Brüche, bitte. Nur: So funktioniert Arbeit heute fast nie mehr. Branchen verändern sich, Jobprofile verschwinden, neue entstehen. Und wir selbst verändern uns auch.

Genau hier setzt Life Design an: Du begreifst dein Leben nicht als Projekt mit perfektem Masterplan, sondern als Serie von Experimenten. Kleine Versuche, aus denen du lernst, die du anpasst – und so Schritt für Schritt deine beruflichen Weichen neu stellst.

In diesem Artikel schauen wir uns an, wie das konkret aussehen kann. Ohne Esoterik, ohne „Folge einfach deiner Passion“-Parolen. Sondern mit klaren Schritten, die du direkt testen kannst.

Was bedeutet Life Design eigentlich (praktisch)?

Life Design ist angelehnt an „Design Thinking“: Produkte werden nicht am Reißbrett perfekt geplant, sondern iterativ entwickelt, getestet, verbessert. Statt monatelang zu grübeln, geht man früh raus: Prototyp bauen, Nutzer beobachten, lernen, anpassen.

Übertragen auf dein Leben heißt das:

  • Du hörst auf, nach der „einen richtigen“ Entscheidung zu suchen.
  • Du entwickelst mehrere Optionen für dein Berufsleben parallel.
  • Du testest diese Optionen im Kleinen, bevor du große Schritte gehst.
  • Du bewertest kontinuierlich: Was gibt dir Energie? Was saugt dich aus?
  • Du passt deinen Kurs an, statt an einem Plan festzuhalten, der nicht mehr zu dir passt.
  • Life Design ist kein „Alles hinschmeißen und digitaler Nomade werden“. Es ist eher: bewusst mit Hypothesen arbeiten („Vielleicht passt Job X besser zu mir“), diese Hypothesen pragmatisch testen und aus den Ergebnissen sinnvolle nächste Schritte ableiten.

    Typische Ausgangssituationen: Wo du Life Design gut einsetzen kannst

    Ein paar Beispiele aus meiner Coaching-Praxis, bei denen Life Design besonders hilfreich ist:

  • Du bist im Job eigentlich „erfolgreich“, fühlst dich aber innerlich leer oder gelangweilt.
  • Du hast viele Interessen und weißt nicht, in welche Richtung du gehen sollst.
  • Du bist nach einer Elternzeit, Krankheit oder Auszeit an einem beruflichen Wendepunkt.
  • Du merkst, dass deine Branche sich stark verändert und fragst dich, ob du umsteuern solltest.
  • Du willst selbstständiger arbeiten, traust dich aber nicht zum „All-in“-Sprung.
  • In all diesen Fällen ist der Versuch, erst mal „im Kopf“ die perfekte Entscheidung zu treffen, meistens blockierend. Besser: raus aus dem Grübeln, rein in kleine, steuerbare Experimente.

    Schritt 1: Deine aktuelle Ausgangslage ehrlich anschauen

    Bevor du irgendetwas neu designst, brauchst du einen klaren Blick auf das, was ist. Nicht dramatisieren, nicht schönreden.

    Ein kurzer Check, den ich häufig nutze: Zeichne einen Kreis und teile ihn in vier Bereiche – Arbeit, Gesundheit, Beziehungen, persönliche Entwicklung. Gib jedem Bereich spontan eine Schulnote von 1 (sehr gut) bis 5 (mangelhaft).

    Dann stell dir für den Bereich „Arbeit“ folgende Fragen und schreibe stichwortartig auf:

  • Was in meinem aktuellen Job gibt mir Energie?
  • Wodurch verliere ich am meisten Energie?
  • Worauf bin ich in den letzten 12 Monaten beruflich wirklich stolz?
  • Was habe ich mir immer wieder vorgenommen – und dann doch nicht gemacht?
  • Hier geht es nicht um ein perfektes Selbstbild, sondern um eine nüchterne Bestandsaufnahme. Das ist deine Ausgangsbasis für Experimente. Wenn du nicht weißt, wo du stehst, kannst du schwer entscheiden, in welche Richtung du testen willst.

    Schritt 2: Deine Annahmen sichtbar machen

    Die meisten beruflichen Entscheidungen scheitern nicht an Fakten, sondern an stillen Annahmen im Hintergrund. Typische Sätze, die ich höre:

  • „In meinem Alter wechselt man nicht mehr die Branche.“
  • „Mit Kindern kann ich nicht reduzieren oder etwas Neues ausprobieren.“
  • „Ich bin halt nicht der Unternehmertyp.“
  • „Ohne weitere Ausbildung nimmt mich da sowieso niemand.“
  • Schreibe deine eigenen Annahmen einmal radikal ehrlich auf. Zum Beispiel:

  • Ich glaube, dass … (z.B. „… mein Chef mich niemals Teilzeit gehen lässt“).
  • Ich bin überzeugt, dass … (z.B. „… Kreativberufe schlecht bezahlt sind“).
  • Ich denke, ich bin nicht der Mensch für … (z.B. „… Führungsverantwortung“).
  • Diese Liste ist dein Rohmaterial. Im Life Design behandeln wir solche Sätze als Hypothesen – nicht als Wahrheiten. Und Hypothesen kann man testen.

    Schritt 3: Drei alternative Zukunftsszenarien entwerfen

    Ein zentraler Baustein aus dem Life-Design-Ansatz (u.a. nach Burnett & Evans) ist die Idee, nicht nur einen Plan A zu haben, sondern mindestens drei „Odysseen“ zu entwerfen – grobe Entwürfe deines Lebens in den nächsten 3–5 Jahren.

    Nimm dir Papier oder ein digitales Dokument und skizziere:

  • Szenario 1: Du optimierst dein aktuelles Leben. Gleiche Branche, ähnlicher Job, aber besser an dich angepasst (z.B. andere Rolle, mehr Flexibilität, andere Rahmenbedingungen).
  • Szenario 2: Du gehst eine deutliche, aber realistische Veränderung an (z.B. neue Branche, andere Funktion, Teilzeit-Selbstständigkeit neben dem Job).
  • Szenario 3: Du denkst mutiger und freier. Wenn nichts „vernünftig“ sein müsste – wie könntest du leben und arbeiten?
  • Für jedes Szenario beantwortest du:

  • Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus?
  • Was mache ich weniger als heute, was mehr?
  • Welche Fähigkeiten nutze ich besonders?
  • Was zahlt meine Miete? (Ja, bitte konkret.)
  • Was würde mich an diesem Szenario nerven?
  • Wichtig: Es geht nicht darum, dich sofort zu entscheiden. Es geht darum, Optionen sichtbar zu machen, statt im diffusen „Ich könnte ja theoretisch alles machen“ stecken zu bleiben.

    Schritt 4: Prototypen bauen – kleine Experimente statt großer Sprung

    Jetzt wird es praktisch. Prototypen bedeutet im Life Design: Du findest Wege, eine Version deiner Zukunft im Kleinen zu testen, ohne gleich alles umzuwerfen.

    Typische Prototyp-Formate:

  • Job-Shadowing: Einen Tag (oder ein paar Stunden) jemanden begleiten, der den Job macht, der dich interessiert.
  • Projekte im aktuellen Job: Eine Aufgabe übernehmen, die näher an das gewünschte Tätigkeitsfeld heranführt (z.B. interne Prozessoptimierung, Moderation, Konzeptarbeit).
  • Side Project: Nebenbei ein kleines, zeitlich begrenztes Projekt starten (Blog, Mini-Freelance-Auftrag, Workshop, Ehrenamt).
  • Weiterbildung „light“: Kein Masterstudium, sondern zunächst ein Online-Kurs, ein Wochenend-Workshop, ein Mentoring-Programm.
  • Arbeitszeit-Experimente: Testweise einen Monat mit reduziertem Pensum oder anderen Arbeitszeiten arbeiten (wo möglich), um neue Routinen zu testen.
  • Ein Beispiel aus einem Coaching: Eine Klientin aus dem Controlling hatte die vage Idee, „irgendwas mit Personalentwicklung“ zu machen. Anstatt sofort eine teure Weiterbildung zu starten, hat sie drei Prototypen gebaut:

  • Sie hat intern ein kleines Learning-Format für ihr Team initiiert („Lunch & Learn“).
  • Sie hat eine Kollegin aus HR bei einem Workshop unterstützt.
  • Sie hat ehrenamtlich einen Bewerbungs-Workshop für Studierende moderiert.
  • Ergebnis nach drei Monaten: Ja, sie hatte Spaß an der Arbeit mit Menschen – aber nicht an klassischer HR-Administration. Ihr Prototyp hat ihr geholfen, die Richtung feiner einzustellen, bevor sie die große Entscheidung traf.

    Schritt 5: Jedes Experiment systematisch auswerten

    Experimente bringen nur etwas, wenn du bewusst hinschaust, was sie dir zeigen. Sonst sammelst du Erfahrungen wie bunte Post-its – nett, aber unstrukturiert.

    Nach jedem Prototyp stell dir drei einfache Fragen:

  • Was hat mir konkret Energie gegeben?
  • Was hat mich erschöpft oder genervt?
  • Was habe ich über mich (nicht über den Job) gelernt?
  • Optional: Gib deinem Experiment eine Schulnote von 1–5, bezogen auf zwei Kriterien:

  • Passung zu meinen Stärken
  • Passung zu meinen Werten / meinem Lebensstil
  • Muster erkennst du erst, wenn du mehrere Prototypen gemacht und ausgewertet hast. Vielleicht stellst du fest, dass du immer dann aufblühst, wenn du moderierst oder vermittelst – egal ob im Tech-Umfeld oder im sozialen Bereich. Oder du merkst, dass dir nicht „die Branche“ wichtig ist, sondern die Freiheit, deinen Tag selbst zu strukturieren.

    Wie du Risiko und Sicherheit in Balance hältst

    Einer der größten Einwände gegen Life Design ist: „Schön und gut, aber ich kann mir keine Experimente leisten.“

    Gleichzeitig erlebe ich selten, dass Menschen wirklich null Spielraum haben. Was fehlt, ist meist nicht die Möglichkeit, sondern der Rahmen. Ein paar Leitplanken, die ich mit Klient:innen gern setze:

  • Finanzielle Untergrenze definieren: Wie viel Einkommen brauchst du mindestens pro Monat, um deine Fixkosten zu decken? Diese Zahl ist deine Sicherheitslinie.
  • Zeitrahmen festlegen: Wie viel Zeit pro Woche kannst du realistisch für Experimente reservieren? Zwei Stunden sind mehr als null.
  • No-Go-Zone klären: Was willst du auf keinen Fall riskieren (z.B. deine Gesundheit, deinen Familienfrieden, bestimmte Verpflichtungen)?
  • Testzeit vereinbaren: Statt „für immer“ zu denken, arbeite mit Zeitfenstern: Welche Experimente probierst du in den nächsten 3 Monaten aus?
  • Life Design heißt nicht, alles auf eine Karte zu setzen. Im Gegenteil: Du minimierst Risiko, indem du viele kleine, reversible Schritte gehst, statt einen einzigen riesigen, irreversiblen Sprung zu machen.

    Mit Widerständen konstruktiv umgehen

    Wenn du dein Leben experimenteller gestalten willst, stößt du fast automatisch auf Widerstand – innerlich und äußerlich.

    Innere Stimmen klingen zum Beispiel so:

  • „Das ist doch naiv.“
  • „Andere in meinem Alter haben längst …“
  • „Ich hätte früher anfangen müssen.“
  • Äußere Stimmen können sein:

  • „Du hast doch einen sicheren Job, sei froh.“
  • „Willst du dir das wirklich antun?“
  • „Das passt doch gar nicht zu deinem Lebenslauf.“
  • Statt gegen diese Stimmen anzukämpfen, kannst du sie als Informationsquellen nutzen:

  • Was genau will diese Stimme schützen? (Status, Sicherheit, Bild nach außen?)
  • Ist die Sorge faktisch begründet – oder eher ein altes Muster?
  • Wie könntest du das Risiko so klein machen, dass auch dieser Teil in dir „Ja, okay“ sagen kann?
  • Ein kleiner Trick: Formuliere deinen nächsten Schritt so klein und konkret, dass er fast lächerlich ungefährlich wirkt. Zum Beispiel:

  • „Ich spreche in den nächsten zwei Wochen mit einer Person, die bereits in Bereich X arbeitet.“
  • „Ich melde mich testweise für einen zweistündigen Online-Workshop an.“
  • „Ich reserviere mir jeden Dienstagabend eine Stunde für mein Side Project.“
  • Oft beruhigen sich innere und äußere Kritiker:innen, wenn klar ist: Es geht nicht um den radikalen Kahlschlag, sondern um ein wohlüberlegtes, überschaubares Experiment.

    Life Design im Alltag verankern: kleine Routinen mit großer Wirkung

    Damit dein Leben nicht nur ein einmaliges „Life-Design-Workshop-Wochenende“ bleibt, brauchst du Routinen. Drei einfache Gewohnheiten, die sich bewährt haben:

    1. Wöchentlicher Check-in (15 Minuten)

  • Was hat mir diese Woche im Job am meisten Spaß gemacht?
  • Was hat mich am stärksten frustriert?
  • Was sagt das über meine aktuellen Prioritäten und Bedürfnisse?
  • Einfach kurz notieren – in einem Notizbuch oder digital. Nach ein paar Wochen erkennst du Muster.

    2. Monats-Experiment definieren

    Statt alles gleichzeitig verändern zu wollen, legst du pro Monat ein Life-Design-Experiment fest. Zum Beispiel:

  • Mit drei Menschen sprechen, die in einem für dich spannenden Feld arbeiten.
  • Eine neue Arbeitsform testen (z.B. Fokuszeiten, Homeoffice-Tag, Coworking-Space).
  • Ein Mini-Projekt starten (Newsletter, Podcast-Pilotfolge, Prototyp deines Angebots).
  • Am Monatsende bewertest du: Beibehalten, anpassen oder verwerfen?

    3. „Freude- und Frustanalyse“ alle drei Monate

    Nimm dir einmal im Quartal eine Stunde und geh deine Notizen durch. Markiere:

  • Was wiederholt sich auf der „Freude“-Seite?
  • Was wiederholt sich auf der „Frust“-Seite?
  • Was davon kannst du aktiv beeinflussen – und wie?
  • Aus dieser Analyse leitest du deine nächsten Experimente ab. So wächst dein Life Design organisch mit dir mit, statt ein starres Konzept zu bleiben.

    Wenn du die beruflichen Weichen wirklich neu stellen willst

    Vielleicht merkst du beim Lesen: Kleine Experimente sind gut – aber eigentlich brauchst du eine deutlichere Kurskorrektur. Neues Feld, anderes Arbeitsmodell, vielleicht auch ein anderer Ort.

    Auch dafür kannst du Life Design nutzen, statt ins Schwarz-Weiß („alles oder nichts“) zu rutschen:

  • Baue Brücken statt Sprünge: Welche Skills aus deinem jetzigen Job sind in der neuen Richtung wertvoll? Wie kannst du sie sichtbar machen?
  • Arbeite mit Übergangsphasen: Zum Beispiel 60–80 % im alten Job bleiben, während du die neue Tätigkeit nebenbei aufbaust.
  • Teste das neue Umfeld früh: Netzwerkgespräche, kurze Projekte, ehrenamtliche Tätigkeiten – je mehr echte Kontakte, desto weniger „Traumprojektion“.
  • Plane Puffer ein: Finanziell, zeitlich, emotional. Große Veränderungen brauchen Ressourcen.
  • Eine wichtige Frage, die ich in solchen Prozessen oft stelle: „Wenn du so weitermachst wie bisher – wie sieht dein Arbeitsleben in drei Jahren aus?“ Und dann: „Wenn du dir erlaubst, in kleinen Schritten in Richtung deines Wunschbildes zu gehen – was wäre in drei Jahren realistisch möglich?“

    Zwischen „alles bleibt wie es ist“ und „ich werfe alles hin und starte bei null“ gibt es sehr viele Zwischentöne. Life Design hilft dir, diese Zwischenstufen zu sehen und zu nutzen.

    Dein nächster konkreter Schritt

    Theorie ist nett, aber Veränderung startet mit einer Handlung. Wenn du magst, nimm dir jetzt zehn Minuten und wähle einen der folgenden Schritte aus – und setze ihn heute oder diese Woche um:

  • Schreibe deine drei größten beruflichen Annahmen auf – und markiere eine davon als Hypothese, die du testen willst.
  • Skizziere grob drei Lebens- und Arbeitsszenarien für die nächsten 3–5 Jahre.
  • Überlege dir ein Mini-Experiment für den nächsten Monat und trage es in deinen Kalender ein.
  • Vereinbare ein Gespräch mit einer Person, deren beruflicher Weg dich interessiert.
  • Life Design bedeutet nicht, dass du ab morgen ein komplett anderes Leben führen musst. Es bedeutet, dass du heute beginnst, anders zu denken und anders zu entscheiden – in Richtung eines Alltags, der besser zu dir passt.

    Der Rest ist: testen, beobachten, anpassen. Immer wieder. Und genau das ist die gute Nachricht: Du musst nicht alles wissen, bevor du losgehst. Du darfst unterwegs herausfinden, wer du wirst.

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