Karriereplanung in unsicheren zeiten: wie du deinen roten faden findest und langfristig orientierung behältst

Karriereplanung in unsicheren zeiten: wie du deinen roten faden findest und langfristig orientierung behältst

Planung und Unsicherheit – das klingt erst mal wie ein Widerspruch. Die Welt dreht sich gefühlt jeden Monat schneller: Restrukturierungen, neue Tools, KI, Märkte, die sich komplett neu sortieren. Gleichzeitig wird von dir erwartet, dass du einen klaren Karriereplan hast, bitte mit Zielbild in 5–10 Jahren. Klar.

Viele meiner Klient:innen kommen genau damit ins Coaching: „Ich weiß gar nicht mehr, wohin ich langfristig will – aber einfach treiben lassen fühlt sich auch falsch an.“

In diesem Artikel schauen wir uns an, wie Karriereplanung in unsicheren Zeiten funktionieren kann, ohne dass du dich auf eine Stelle, ein Organigramm oder einen perfekten Masterplan festnagelst. Stattdessen geht es darum, deinen roten Faden zu finden – und ihn so zu formulieren, dass du auch dann Orientierung hast, wenn sich Jobtitel und Strukturen ändern.

Warum klassische Karriereplanung heute nicht mehr funktioniert

Das alte Modell war simpel: Ausbildung – Einsteigerjob – Stufenleiter im gleichen Unternehmen oder Berufsfeld – Rente. Damit konnte man planen: Titel, Gehalt, Verantwortungsumfang.

Heute sieht die Realität anders aus:

  • Berufsprofile verschwinden oder verändern sich radikal.
  • Hierarchien werden flacher, Projekte wichtiger als Stellenbeschreibungen.
  • Unternehmen verändern regelmäßig ihre Strategie – und damit auch die Rollen.
  • Viele wollen gar keine „Karriereleiter“, sondern einen Mix aus Sinn, Entwicklung, Flexibilität und Stabilität.

Wenn du in so einer Umgebung versuchst, deine Karriereplanung auf eine ganz bestimmte Position oder ein konkretes Organigramm zu bauen, passiert Folgendes: Entweder die Ziele zerbröseln dir nach zwei Jahren, weil das Umfeld sich ändert. Oder du klammerst so stark an einem Plan, dass du Chancen übersiehst, die besser zu dir passen würden.

Die Lösung ist nicht: „Gar nicht mehr planen“. Die Lösung ist: anders planen.

Von Stellen zu Stärken: Was ist dein persönlicher roter Faden?

Dein roter Faden entsteht nicht aus Jobtiteln, sondern aus Fähigkeiten, Interessen und Werten, die sich durch dein Berufsleben ziehen – egal, welche Labels die Außenwelt ihnen gerade gibt.

Ein Beispiel aus dem Coaching: Anna, Anfang 30, hat schon mehrfach den Job gewechselt – vom Marketing in die interne Kommunikation, dann in ein Projekt im Bereich Change Management. Sie kam mit dem Satz: „Ich habe keinen roten Faden. Mein Lebenslauf ist chaotisch.“

Als wir genauer hinschauten, tauchten Muster auf:

  • Sie arbeitet gern an Themen, bei denen Kommunikation eine Schlüsselrolle spielt.
  • Sie ist stark darin, komplexe Themen so aufzubereiten, dass andere mitgehen.
  • Sie blüht auf, wenn sie Menschen durch Veränderungen begleitet.

Plötzlich war der „rote Faden“ sehr klar: Change und Kommunikation. Die Jobtitel waren nur verschiedene Spielfelder, auf denen sie diese Stärken einsetzen konnte.

Um deinen eigenen roten Faden zu finden, kannst du dir diese Fragen stellen:

  • Welche Tätigkeiten ziehen sich – bewusst oder unbewusst – durch deine bisherigen Jobs?
  • In welchen Momenten im Arbeitsalltag vergisst du die Zeit?
  • Wofür kommen Kolleg:innen typischerweise zu dir („Kannst du mal drüber schauen…“)?
  • Welche drei Fähigkeiten würdest du gern in fünf Jahren noch intensiver nutzen als heute?

Schreib die Antworten nicht in Fließtext, sondern wirklich als Stichpunkte. Je konkreter, desto besser. Aus diesen Stichpunkten formst du später dein persönliches „Karriere-Navi“.

Ein einfaches Modell: Richtung statt Zielposition

Statt eine exakte Zielposition zu definieren („In 7 Jahren will ich Head of XY sein“), empfehle ich ein Modell mit drei Ebenen, das sich gut an verändernde Rahmenbedingungen anpasst:

  • Nordstern: dein übergeordnetes berufliches Warum.
  • Spielfelder: Themen oder Bereiche, in denen du wirken willst.
  • Nächster Entwicklungsschritt: konkrete Lern- und Erfahrungsziele für die nächsten 12–18 Monate.

Schauen wir uns das im Detail an.

Dein Nordstern: Wofür arbeitest du eigentlich?

Das klingt groß, muss aber nicht pathetisch sein. Dein Nordstern beantwortet Fragen wie: Welchen Beitrag willst du mit deiner Arbeit leisten? Für wen? Auf welche Art?

Beispiele für kompakte Nordstern-Formulierungen:

  • „Ich will dazu beitragen, dass komplexe technische Themen für Nicht-Expert:innen verständlich und nutzbar werden.“
  • „Ich möchte Teams helfen, besser zusammenzuarbeiten und Konflikte konstruktiv zu lösen.“
  • „Ich will Produkte mitgestalten, die den Arbeitsalltag von Menschen messbar erleichtern.“

Merkst du: Da steht kein Jobtitel. Und trotzdem geben diese Sätze eine klare Richtung vor.

Übung für dich:

  • Schreib spontan drei Sätze: „Ich will mit meiner Arbeit…“
  • Streich alles, was nach Floskel klingt („Menschen helfen“, „die Welt verbessern“), und werde konkret: Wem? Wobei? Wie?
  • Formuliere daraus einen kurzen Satz, der sich für dich stimmig anfühlt – arbeite ruhig ein bisschen daran.

Du musst diesen Satz niemandem zeigen. Aber er hilft dir als Filter, wenn du Jobangebote, Projekte oder Weiterbildungen bewertest.

Spielfelder: Wo kannst du deinen roten Faden leben?

Die nächste Ebene: In welchen Kontexten oder Themen kannst du deinen Nordstern und deine Stärken praktisch einbringen?

Ein Spielfeld kann zum Beispiel sein:

  • eine Branche (z.B. Gesundheitswesen, Bildung, Tech, öffentliche Verwaltung)
  • ein Funktionsbereich (z.B. Produktentwicklung, Vertrieb, People & Culture, Kommunikation)
  • ein Querschnittsthema (z.B. Digitalisierung, Nachhaltigkeit, New Work, Bildungsgerechtigkeit)

Du musst dich nicht auf ein einziges Spielfeld festlegen. Zwei bis drei Schwerpunkte reichen oft als Orientierung.

Beispiel: Jemand mit dem Nordstern „Komplexe Themen verständlich machen“ könnte diese Spielfelder definieren:

  • interne Kommunikation in Organisationen im Wandel
  • digitale Produkte, die Fachwissen vermitteln
  • Trainings & Workshops zu neuen Arbeitsweisen

Wichtig: Das sind keine konkreten Jobtitel, sondern Bereiche, in denen du aktiv nach Chancen suchen kannst – auch dann, wenn sich einzelne Rollen verändern oder verschwinden.

Der nächste Schritt: Planung in 12–18-Monats-Häppchen

Langfristige Richtung schön und gut – aber was machst du jetzt konkret, in diesem und im nächsten Jahr?

Hier kommt die dritte Ebene ins Spiel: dein nächster Entwicklungsschritt. Denk in 12–18 Monaten statt in 10 Jahren. In unsicheren Zeiten ist das ein Zeitraum, den du noch halbwegs überblicken kannst, ohne in Starre zu verfallen.

Typische Kategorien für diese Zwischenziele:

  • Fähigkeiten: Welche 1–3 Skills willst du gezielt ausbauen?
  • Erfahrungen: Welche Art von Projekten, Rollen oder Kontexten willst du erleben?
  • Sichtbarkeit & Netzwerk: Wo und bei wem willst du beruflich sichtbarer werden?

Statt „Ich will in 5 Jahren Führungskraft sein“ könnte dein 18-Monats-Ziel sein:

  • „Ich möchte erste Erfahrung in der fachlichen Führung sammeln (z.B. als Projektleitung oder Mentorin).“
  • „Ich will lernen, in konfliktreichen Meetings souverän zu moderieren.“
  • „Ich will in meiner Organisation als Go-to-Person für Thema XY wahrgenommen werden.“

Und dann leitest du konkrete Schritte ab – dazu gleich mehr.

Realitätscheck: Wie viel Sicherheit brauchst du wirklich?

Ein Thema, das in der Karriereplanung oft ignoriert wird: dein persönliches Sicherheitsbedürfnis. „Mach doch einfach, was dich erfüllt“ ist ein schlechter Ratschlag, wenn du nachts wachliegst, weil die Miete nicht sicher ist.

Stell dir ein Kontinuum vor zwischen zwei Polen:

  • „Ich brauche maximale finanzielle und strukturelle Sicherheit.“
  • „Ich bin bereit, für spannende Chancen viel Risiko zu tragen.“

Frag dich:

  • Wie viel finanzielles Risiko kann ich mir realistisch leisten (Rücklagen, Verpflichtungen)?
  • Wie gehe ich generell mit Unsicherheit um – eher neugierig oder eher mit Stressreaktion?
  • Was sind meine Mindestanforderungen an Stabilität (Einkommen, Stundenumfang, Vertragsart)?

Warum ist das wichtig? Weil dein Karriereplan zu deinem Nervensystem passen muss. Sonst sabotierst du dich entweder selbst (weil du Chancen aus Angst ablehnst) oder du rennst in ein Burnout, weil du dich dauerhaft überforderst.

Ein pragmatischer Ansatz, den viele meiner Klient:innen nutzen: eine „Sicherheitsbasis“ definieren (z.B. Mindestgehalt, bestimmte Vertragsform) – und innerhalb dieses Rahmens bewusst mit Experimenten spielen (z.B. neue Projekte, interne Wechsel, Teilzeit für Weiterbildung).

Karriereplanung als Experiment: Kleine Tests statt großer Sprung

In unsicheren Zeiten funktioniert Karriereentwicklung am besten nach dem Prinzip: ausprobieren, lernen, anpassen. Nicht alles auf eine Karte setzen, sondern bewusst viele kleine Experimente machen.

Beispiele für Experimente, die du innerhalb deines aktuellen Jobs starten kannst:

  • Ein kleines Projekt übernehmen, das näher an deinem Wunsch-Spielfeld liegt.
  • Einen Kollegen oder eine Kollegin in einem interessanten Bereich „job shadowen“.
  • Eine interne Schulung, ein Lunch & Learn oder einen Workshop anbieten.
  • Im Team ein neues Tool oder eine neue Arbeitsweise pilotieren.

Experimente außerhalb des Jobs können sein:

  • eine gezielte Weiterbildung mit Praxisprojekt
  • ehrenamtliche Mitarbeit in einem Verein oder einer Initiative
  • eine kleine Nebentätigkeit, Freelance-Projekte oder Pro-Bono-Arbeit
  • Testprojekte mit Freund:innen oder ehemaligen Kolleg:innen

Wichtiger als das perfekte Experiment ist die Auswertung. Frag dich nach jedem Test:

  • Was daran hat mir Energie gegeben, was hat mich ausgelaugt?
  • Welche meiner Stärken konnte ich einsetzen?
  • Will ich mehr davon – oder war das ein einmaliger Exkurs?

So verfeinerst du Schritt für Schritt deinen roten Faden, ohne dass du ihn dir am Schreibtisch theoretisch ausdenken musst.

Ein Framework für deinen persönlichen Karriere-Check-in

Damit das Ganze nicht bei guten Vorsätzen bleibt, lohnt sich ein regelmäßiger Check-in. Viele meiner Coachees arbeiten mit einem einfachen Quartalsritual, das nicht länger als eine Stunde dauern muss.

Struktur für deinen 90-Tage-Check-in:

  • Rückblick: Was ist in den letzten 3 Monaten passiert? Welche Projekte, welche Lernmomente?
  • Lernen: Was habe ich über mich, meine Stärken und meine Grenzen gelernt?
  • Anpassung: Passt mein Nordstern noch? Passen meine Spielfelder? Muss ich etwas schärfen oder verschieben?
  • Fokus: Was sind 1–3 konkrete Schritte für die nächsten 3 Monate?

Diese Schritte können zum Beispiel sein:

  • ein Gespräch mit deiner Führungskraft über eine neue Rolle im Team
  • die Anmeldung zu einer bestimmten Weiterbildung
  • ein Networking-Lunch pro Monat mit Menschen aus deinem Wunsch-Spielfeld
  • die Übernahme eines internen Projekts, das zu deinem roten Faden passt

Wichtig: Schreib diese Schritte auf. Block dir direkt Termine im Kalender (z.B. „Montag 16–17 Uhr: Weiterbildung recherchieren“). Karriereplanung ohne Zeitfenster bleibt eine nette Idee.

Mit Unsicherheit umgehen: Was du beeinflussen kannst – und was nicht

Einer der größten Stressfaktoren ist die Vermischung von Dingen, die du steuern kannst, mit denen, die komplett außerhalb deiner Kontrolle liegen. Du hast keinen Einfluss auf globale Krisen, auf alle strategischen Entscheidungen deiner Firma oder darauf, ob dein Bereich in drei Jahren noch genauso existiert.

Du hast aber Einfluss auf:

  • deine Lern- und Entwicklungsbereitschaft
  • dein Netzwerk und deine Sichtbarkeit
  • die Klarheit über deine Stärken und deinen roten Faden
  • deine finanzielle Pufferbildung (soweit möglich)
  • deine Fähigkeit, mit Stress und Unsicherheit umzugehen

Eine kleine Übung, die vielen hilft:

  • Schreib alles auf, was dir aktuell Sorgen in Bezug auf deine Karriere macht.
  • Markiere jedes Thema mit „C“ (Control) oder „NC“ (No Control).
  • Bei „C“-Themen: Formuliere den kleinstmöglichen nächsten Schritt.
  • Bei „NC“-Themen: Überlege, welche Schutzmaßnahmen du indirekt treffen kannst (z.B. Rücklagen, Netzwerk ausbauen, Plan B vorbereiten).

Das nimmt zwar nicht alle Unsicherheit weg, verschiebt aber deinen Fokus zurück auf das, was du aktiv gestalten kannst.

Wie du andere in deine Planung einbeziehst (ohne dich treiben zu lassen)

Karriereplanung ist kein Solo-Projekt. Gleichzeitig ist es gefährlich, sich ausschließlich an den Vorstellungen anderer auszurichten – sei es die deines Chefs, deiner Eltern oder des LinkedIn-Feeds.

Nützlich sind gezielte Sparringspartner:

  • 1–2 Personen im Unternehmen, die dich fachlich gut kennen und ehrlich Feedback geben
  • Menschen, die schon in einem deiner Wunsch-Spielfelder arbeiten
  • ggf. ein Coach oder Mentor:in für die Struktur und die Reflexion

Statt die große „Was soll ich mit meinem Leben machen?“-Frage zu stellen, kannst du sehr konkrete Fragen mitbringen:

  • „Wenn du an mich denkst: Wo siehst du meine stärksten Beiträge im Team?“
  • „Welche Rollen oder Projekte im Unternehmen könnten zu meinen Stärken passen?“
  • „Wenn du dir meinen Lebenslauf anschaust: Welchen roten Faden würdest du spontan sehen?“

Deine Aufgabe bleibt: filtern. Nur weil andere etwas für eine „logische“ nächste Stufe halten, heißt das nicht, dass es zu deinem Nordstern passt.

Ein möglicher nächster Schritt für dich

Wenn du das Gefühl hast, deine Karriereplanung sei gerade ein großer, diffuser Nebel, dann versuch es nicht mit dem einen großen Masterplan. Nimm dir lieber 45–60 Minuten und geh in dieser Reihenfolge vor:

  • Schreib 10–15 Stichpunkte zu Tätigkeiten, die dir in der Vergangenheit wirklich Freude gemacht haben.
  • Formuliere daraus deinen vorläufigen Nordstern in einem Satz.
  • Definiere zwei oder drei Spielfelder, in denen du diesen Nordstern leben könntest.
  • Leg drei konkrete Lern- oder Erfahrungsziele für die nächsten 12–18 Monate fest.
  • Plane für jedes Ziel den allerkleinsten ersten Schritt und block ihn im Kalender.

Mehr brauchst du für den Anfang nicht. Dein roter Faden entsteht nicht auf dem Papier, sondern im Tun – aber das Papier hilft dir, bewusst zu entscheiden, welche Erfahrungen du sammeln willst.

Unsichere Zeiten wirst du nicht wegorganisieren können. Aber du kannst dir ein inneres Navigationssystem bauen, das dir auch dann Orientierung gibt, wenn die äußere Karte sich ständig ändert. Genau darum geht es bei moderner Karriereplanung: nicht den perfekten Plan haben, sondern handlungsfähig bleiben.