Lena Deutsch

Entscheidungen treffen, wenn alles möglich scheint und innere klarheit finden

Entscheidungen treffen, wenn alles möglich scheint und innere klarheit finden

Entscheidungen treffen, wenn alles möglich scheint und innere klarheit finden

Du sitzt vor zig Tabs im Browser, dein Notizbuch ist voller Pros-und-Contra-Listen – und trotzdem fühlst du dich keinen Millimeter klarer. Job wechseln oder bleiben? Selbstständig machen oder doch erst „noch ein Jahr Erfahrung sammeln“? Sabbatical, Weiterbildung, Umzug, Branchenwechsel – theoretisch ist alles möglich. Praktisch fühlst du dich blockiert.

Dieses „Alles ist möglich“-Gefühl klingt nach Freiheit, fühlt sich aber oft an wie ein zu enges Hemd. In diesem Artikel schauen wir uns an, warum Entscheidungen heute so schwerfallen, wie du innere Klarheit Schritt für Schritt aufbauen kannst – und wie du Entscheidungen triffst, auch wenn sich nichts zu 100 % sicher anfühlt.

Warum Entscheidungen heute so schwerfallen

Früher waren Lebenswege oft vorgezeichnet: Ausbildung, Festanstellung, vielleicht ein Firmenwechsel, Rente. Heute: unendliche Optionen. New Work, Remote, Teilzeit, Projekte, Gründung, Portfolio-Karriere. Klingt toll – bis du selbst davorstehst.

In meinen Coachings tauchen immer wieder die gleichen Muster auf, wenn „alles möglich scheint“:

Die gute Nachricht: Klarheit ist kein mystischer Geistesblitz. Sie entsteht, wenn du drei Ebenen sortierst:

Genau da gehen wir jetzt rein.

Innere Klarheit beginnt nicht bei der Frage „Job A oder Job B?“

Einer meiner Lieblingssätze im Coaching: „Wir diskutieren hier über die Verpackung, ohne den Inhalt zu kennen.“

Beispiel aus einem Coaching: Anna, 34, Projektleiterin, kommt mit der Frage: „Soll ich in ein Start-up wechseln oder in einem Konzern bleiben?“ Nach 20 Minuten merken wir: Eigentlich geht es ihr um etwas anderes. Sie will:

Start-up oder Konzern ist dafür nur die äußere Form. Innere Klarheit heißt: Erst den Inhalt definieren, dann nach der passenden Verpackung suchen.

Starte deshalb nicht mit der Frage „Welche Option ist besser?“, sondern mit: „Was ist mir in meinem nächsten Lebens- oder Karrierekapitel wirklich wichtig?“

Minimal-Übung: Deine 5 wichtigsten Werte klären

Du musst keinen 3-tägigen Werte-Workshop machen. Eine fokussierte halbe Stunde reicht, um schon viel klarer zu sehen. Nimm dir Papier oder ein leeres Dokument und geh diese Schritte durch:

Beispiel: Wert „Freiheit“

Durch diese Konkretisierung bekommst du ein Raster, mit dem du später Optionen viel nüchterner beurteilen kannst.

Vom Wunschbild zum Realitätscheck: Dein nächstes Kapitel skizzieren

Werte sind dein innerer Kompass. Als Nächstes brauchst du eine Landkarte. Statt abstrakt über „Karriere“ nachzudenken, mach dir dein nächstes Lebenskapitel greifbar.

Stell dir vor, du wachst in zwei bis drei Jahren an einem ganz normalen Mittwoch auf. Nichts Glamouröses, sondern Alltag. Beantworte dann schriftlich:

Erlaub dir, frei zu schreiben, aber bleib konkret. Statt „Ich mache sinnstiftende Arbeit“ lieber: „Ich arbeite direkt mit Kund:innen/Patient:innen/Coachees und sehe wöchentlich, wem ich konkret geholfen habe.“

Mit deinen Werten und deinem Alltagsbild hast du jetzt zwei stabile Anker. Erst jetzt kommt die eigentliche Entscheidungsfrage wieder zurück ins Spiel.

Ein einfaches Entscheidungs-Framework für „zu viele Optionen“

Wenn alles möglich scheint, fehlt oft ein System, um Optionen zu filtern. Ich nutze im Coaching gern einen simplen Drei-Filter-Ansatz:

Anwendungsbeispiel: Du schwankst zwischen drei Optionen – neuer Job in deiner Branche, Branchenwechsel, Teilzeit + eigene Projekte aufbauen.

Filter 1: Werte-Passung

Bewerte jede Option auf einer Skala von 1–10 für deine Top-5-Werte. Beispiel Wert Freiheit, Lernen, Sicherheit, Wirkung, Gesundheit:

Du siehst schnell: Perfekt ist nichts. Aber du erkennst Muster: Wo werden zentrale Werte deutlich besser erfüllt, wo würdest du gegen dich selbst arbeiten?

Filter 2: Energie-Bilanz

Frag dich für jede Option:

Hier gibt es oft Überraschungen. Ein Job, der auf dem Papier „vernünftig“ klingt, fühlt sich energetisch wie Dauer-Montag an. Das ist ein ernstzunehmendes Signal.

Filter 3: Realistische Rahmenbedingungen

Jetzt kommt der Pragmatismus. Prüfe nüchtern:

Du musst nicht alle Ampeln auf Grün haben, um loszugehen. Aber du solltest bewusst entscheiden, wo du gerade Risiko eingehst – und wo nicht.

Die 30-Minuten-Entscheidung: Ein Leitfaden, wenn du festhängst

Manchmal ist nicht das Problem, welche Option besser ist, sondern dass du überhaupt nicht in eine Entscheidung kommst. Für diese Situationen empfehle ich dir eine kleine 30-Minuten-Struktur:

Wichtig: Diese Methode ersetzt keine komplexe Karriereplanung. Aber sie bricht die Blockade und verschiebt dich vom Grübeln ins Ausprobieren.

Der Mythos der „richtigen“ Entscheidung

Viele hängen fest, weil sie heimlich an folgenden Glaubenssatz glauben: „Es gibt da draußen die eine richtige Entscheidung – ich muss sie nur finden.“

Leider – oder zum Glück – stimmt das nicht.

Ich erlebe in Coachings oft: Menschen bewerten alte Entscheidungen im Nachhinein als „Fehler“, obwohl sie auf Basis der damaligen Infos sinnvoll waren. Das ist, als würdest du dir vorwerfen, 2010 kein Elektroauto gekauft zu haben.

Hilfreicher ist eine andere Frage: „Kann ich diese Entscheidung heute mit mir vereinbaren – mit meinen aktuellen Werten, Informationen und Möglichkeiten?“ Wenn ja, ist es eine tragfähige Entscheidung. Nicht perfekt, aber verantwortungsvoll.

Umgang mit Zweifel, nachdem du dich entschieden hast

Die erste Woche nach einer Entscheidung ist oft die unangenehmste. Dein Kopf produziert plötzlich Gegenargumente am Fließband: „War das wirklich klug?“, „Was ist, wenn…?“

Statt dann sofort zurückzurudern, kannst du Folgendes tun:

Entscheidungsstärke heißt nicht, nie zu zweifeln. Sondern: Zweifel zu bemerken – und trotzdem handlungsfähig zu bleiben.

Wann es sinnvoll ist, eine Entscheidung bewusst zu verschieben

Jetzt der wichtige Gegenpol: Nicht jede aufgeschobene Entscheidung ist Vermeidung. Manchmal ist das klügste, was du tun kannst, eine bewusste Nicht-Entscheidung.

Das ist dann sinnvoll, wenn:

Der Unterschied zwischen Vermeidung und bewusster Verschiebung:

Also statt „Ich kann mich gerade nicht entscheiden“ lieber: „Ich entscheide jetzt, diese Entscheidung auf den 30. April zu vertagen. Bis dahin kläre ich A, B und C.“

Wie du Entscheidungsstärke langfristig trainierst

Innere Klarheit ist nichts Einmaliges, sondern ein Muskel. Je öfter du ihn benutzt, desto weniger Angst machen dir große Entscheidungen. Drei Alltag-Übungen helfen dir dabei:

Am Ende geht es nicht darum, dass du immer „mutige“ oder „große“ Entscheidungen triffst. Sondern darum, dass du weniger auf Autopilot läufst und bewusster gestaltest. Auch die Entscheidung, erst einmal nicht alles umzuwerfen, kann sehr aktiv und selbstbestimmt sein – wenn sie aus Klarheit kommt und nicht aus Angst.

Wenn du beim Lesen gemerkt hast, dass du bei einem bestimmten Thema festhängst – Jobwechsel, Selbstständigkeit, nächster Karriereschritt – schnapp dir eine der Übungen oben. Nicht alle, nicht perfekt. Eine. Heute. 20–30 Minuten reichen, um von „Alles ist möglich, ich bin überfordert“ zu „Ich sehe den nächsten kleinen, klaren Schritt“ zu kommen.

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