Berufung statt nur job: schritte zu einer sinnstiftenden karriere im wandelnden arbeitsmarkt

Berufung statt nur job: schritte zu einer sinnstiftenden karriere im wandelnden arbeitsmarkt

Warum „sinnstiftende Karriere“ mehr ist als ein Buzzword

Du hast einen sicheren Job, nette Kolleg:innen, das Gehalt passt – und trotzdem fragst du dich regelmäßig: „War’s das jetzt eigentlich?“

Diese leise Irritation erlebe ich in Coachings ständig. Und sie wird stärker, je schneller sich der Arbeitsmarkt verändert: New Work, KI, Homeoffice, Restrukturierungen, Kündigungswellen. Während um dich herum alles im Umbruch ist, fragst du dich, ob du mit deiner Zeit gerade wirklich das Richtige tust.

In diesem Artikel geht es nicht um die romantische Idee „Finde deine eine große Leidenschaft und dann arbeitest du nie wieder“. Es geht darum, wie du in einem wandelnden Arbeitsmarkt eine Karriere aufbaust, die Sinn stiftet – für dich und für andere – ohne gleich alles hinzuschmeißen.

Was Berufung heute (nicht mehr) bedeutet

Berufung wurde lange so erzählt:

  • Du hast eine große Mission.
  • Die findest du mit einem Aha-Moment.
  • Wenn du sie gefunden hast, fühlt sich alles leicht an.

In der Realität von Wissensarbeit und komplexen Organisationen sieht das anders aus. Berufung ist heute eher:

  • Eine Richtung, keine fertige Stelle.
  • Ein Mix aus Stärken, Werten und Themen, die dich interessieren.
  • Etwas, das du entwickelst, nicht etwas, das du einmalig „findest“.

Heißt: Du musst nicht die perfekte Idee haben, bevor du losgehst. Du brauchst ein Arbeitsleben, in dem du das Gefühl hast, dass das, was du täglich tust, in irgendeiner Form Sinn macht – für dich und für andere. Und das darf sich mit dem Arbeitsmarkt weiterentwickeln.

Typische Anzeichen: Du hast einen Job, aber keine Berufung

Vielleicht erkennst du dich in einem (oder mehreren) dieser Punkte wieder:

  • Du funktionierst, aber du lebst auf der Arbeit nicht wirklich auf.
  • Du bist nach Feierabend erschöpft, aber nicht zufrieden.
  • Deine To-do-Liste ist voll, aber nichts davon fühlt sich wirklich wichtig an.
  • Du fragst dich regelmäßig, ob dein Job – übers Unternehmen hinaus – irgendetwas Relevantes beiträgt.
  • Du verschiebst Fortbildungen oder berufliche Experimente, „weil gerade nicht der richtige Zeitpunkt ist“ – seit Jahren.

In einem Coaching sagte mir eine Klientin, Bereichsleiterin in einem Konzern: „Ich bin beruflich erfolgreich, aber ich wüsste nicht, wie ich jemandem in einem Satz erklären soll, wozu meine Arbeit sinnvoll ist – außer dass sie Zahlen nach oben treibt.“

Das Spannende: Sie musste ihren Job nicht hinschmeißen, um mehr Sinn zu erleben. Aber sie musste anfangen, systematisch herauszuarbeiten, wofür sie ihre Fähigkeiten einsetzen will – und was sie an ihrem aktuellen Setup ändern kann.

Drei Missverständnisse, die dich blockieren

Bevor wir in die Schritte gehen, kurz drei Denkfallen, die ich ständig sehe:

Missverständnis 1: Berufung ist gleich Traumjob

Der Traumjob ist oft ein Bild aus außen: fancy Titel, hippe Firma, viel Freiheit. Berufung ist eher eine innere Passung: Du nutzt deine Stärken, deine Arbeit entspricht deinen Werten und du hast das Gefühl, etwas Sinnvolles beizutragen – auch wenn das Umfeld nicht instagramtauglich ist.

Missverständnis 2: Berufung heißt, alles zu riskieren

Nein. Du musst nicht sofort kündigen, ein Purpose-Start-up gründen und in ein Tiny House ziehen. Berufung entsteht auch durch Mini-Korrekturen in deinem jetzigen Job: andere Projekte, andere Rolle, andere Art zu arbeiten.

Missverständnis 3: Wenn ich meine Berufung gefunden habe, ist alles leicht

Auch sinnstiftende Arbeit hat nervige Tage, Bürokratie, Konflikte. Der Unterschied: Du weißt, wofür du das machst. Die Anstrengung fühlt sich anders an – eher wie Training als wie sinnloses Strampeln im Hamsterrad.

Ein einfaches Modell: Sinn = Stärken + Beitrag + Rahmen

Um aus „Ich hätte gern mehr Sinn“ etwas Konkretes zu machen, nutze ich mit Klient:innen oft ein simples Modell:

Sinn in der Arbeit entsteht, wenn drei Bereiche zusammenkommen:

  • Stärken: Was kannst du richtig gut? Was fällt dir leichter als anderen?
  • Beitrag: Für wen arbeitest du, und welches Problem hilfst du zu lösen?
  • Rahmen: Unter welchen Bedingungen kannst du langfristig gut arbeiten?

Wenn einer dieser Bereiche massiv fehlt, fühlt sich der Job schnell leer, anstrengend oder „falsch“ an.

Kurzes Beispiel aus einem Coaching:

Ein Produktmanager, sehr analytisch stark, extrem schnell im Erfassen komplexer Zusammenhänge. Er war in einem Unternehmen, das vor allem auf interne Politik und „wer am lautesten redet“ setzte. Seine Stärken kamen kaum zum Einsatz (Stärken-Lücke), sein Beitrag blieb nebulös, der Rahmen (viel Ad-hoc-Krisenfeuerwehr, wenig Struktur) passte auch nicht. Ergebnis: Frust, Zynismus, innere Kündigung.

Wir haben mit ihm drei Fragen geklärt:

  • Wo konnte er in der Vergangenheit seine Stärken wirklich ausspielen?
  • Für welche Kund:innen oder Themen hat er ehrlich Begeisterung?
  • Wie muss sein Arbeitsrahmen aussehen, damit er nicht permanent im Notfallmodus hängt?

Er hat nicht sofort die Branche gewechselt, aber intern eine Rolle in einem stabileren Produktbereich gesucht, mit mehr Kund:innennähe und klarer Verantwortung. Gleicher Arbeitgeber, spürbar mehr Sinn.

Konkrete Schritte: So näherst du dich deiner Berufung

Du musst deine komplette Karriere nicht heute neu definieren. Aber du kannst ab heute systematisch daran arbeiten, mehr Sinn hineinzubringen. Hier ein möglicher Fahrplan.

Schritt 1: Klarheit über deine Stärken gewinnen

„Worin sind Sie wirklich gut?“ – diese Frage beantworten die wenigsten spontan. Versuch es strukturiert:

  • Liste drei Situationen der letzten 12–18 Monate, in denen du im Flow warst.
  • Schreib auf: Was genau hast du getan? Welche Fähigkeiten waren im Einsatz?
  • Frag 3–5 Menschen (Kolleg:innen, Ex-Chef:in, Freund:innen): „Was würdest du sagen, sind meine drei größten Stärken – konkret im Verhalten?“

Achte auf Muster. Vielleicht ziehst du immer wieder Themen auseinander und bringst Ordnung hinein. Oder du kannst schwierige Botschaften wertschätzend rüberbringen. Oder du erkennst schnell, wo Prozesse haken.

Coaching-Frage: Wenn du ab morgen nur noch Aufgaben machen dürftest, die deine Top-3-Stärken nutzen – wie sähe dein Arbeitstag anders aus?

Schritt 2: Deinen Beitrag definieren

Berufung ohne Beitrag gibt es nicht. Die Frage lautet:

„Wem will ich helfen, welches Problem besser zu lösen?“

Nimm dir zehn Minuten und notiere stichwortartig:

  • Mit welchen Kund:innen oder Stakeholdern arbeitest du am liebsten?
  • Bei welchen Problemen spürst du so etwas wie: „Dafür stehe ich morgens gern auf“?
  • Welche gesellschaftlichen oder unternehmerischen Entwicklungen berühren dich positiv oder negativ?

Oft zeigt sich ein roter Faden. Zum Beispiel:

  • Du hast ein Herz für KMUs, die digital aufholen müssen.
  • Du willst, dass Pflegekräfte bessere Arbeitsbedingungen haben.
  • Du findest es sinnstiftend, anderen Menschen komplexe Themen verständlich zu machen.

Dein Beitrag muss nicht weltbewegend im großen Stil sein. Aber er sollte für dich spürbar sein – und idealerweise für jemanden außer deinem direkten Vorgesetzten.

Schritt 3: Deinen idealen Rahmen abstecken

Der Rahmen entscheidet, ob deine Berufung tragfähig oder Burn-out-Booster ist. Frag dich:

  • Wie viel Struktur vs. Freiheit brauche ich?
  • Will ich eher tief in einem Thema bleiben oder häufig wechseln?
  • Wie wichtig sind mir Sicherheit, Status, Gehalt – ehrlich?
  • Wie will ich mit Kolleg:innen und Vorgesetzten zusammenarbeiten?

Formuliere daraus 5–7 Rahmen-Kriterien, z.B.:

  • Mindestens 50 % meiner Arbeitszeit sind planbar, nicht im Dauer-Feuerwehrmodus.
  • Ich habe direkten Kontakt zu den Menschen, für die ich arbeite.
  • Ich kann mich fachlich weiterentwickeln und Neues ausprobieren.

Diese Kriterien sind später dein Filter, wenn es um Jobwechsel, interne Bewerbungen oder Projektzusagen geht.

Schritt 4: Realität checken – dein aktueller Job im Abgleich

Jetzt wird es praktisch. Mach einen kurzen Check:

  • Bewerte auf einer Skala von 1–10, wie stark dein aktueller Job deine Stärken nutzt.
  • Bewerte: Wie klar und sinnstiftend ist dein Beitrag für dich?
  • Bewerte: Wie gut passt der Rahmen (Kultur, Arbeitsweise, Führung, Flexibilität)?

Alles über 7 ist okay bis gut. Alles unter 5 ist ein Warnsignal. Wichtig: Einzelne Baustellen heißen nicht „falscher Job“, sondern „hier gibt es Handlungsbedarf“.

Schritt 5: Mikroschritte im aktuellen Umfeld

Bevor du über Kündigung nachdenkst, prüf, was du im bestehenden Setting drehen kannst. Mögliche Hebel:

  • Proaktiv Projekte suchen, die besser zu deinen Stärken passen.
  • In einem Mitarbeitergespräch klarer kommunizieren, welche Themen du übernehmen möchtest – und welche nicht mehr.
  • Ein internes Netzwerk zu den Bereichen aufbauen, in denen du mehr Sinn empfindest.
  • Kleine Job-Crafting-Experimente: 10–20 % deiner Arbeitszeit in sinnstiftendere Aufgaben verschieben.

Ein Klient aus dem Controlling hat zum Beispiel damit begonnen, regelmäßig kurze Workshops für Fachabteilungen anzubieten: „Wie ihr unsere Zahlen nutzt, um bessere Entscheidungen zu treffen“. Gleiche Rolle, gleiche Abteilung – aber plötzlich viel mehr Beitrag und Sichtbarkeit.

Schritt 6: Optionen im Arbeitsmarkt ausloten

Der Arbeitsmarkt verändert sich – das ist nicht nur Bedrohung, sondern auch Chance. Viele Branchen suchen händeringend Menschen, die Probleme lösen, Verantwortung übernehmen und gut mit Komplexität umgehen können.

Statt gleich die große Wechselsuche zu starten, fang kleinteilig an:

  • Recherchiere 3–5 Unternehmen oder Organisationen, die etwas tun, das zu deinem Beitrag passt.
  • Schau dir reale Stellenanzeigen an: Wo werden deine Stärken gefragt?
  • Sprich mit Menschen, die schon in Bereichen arbeiten, die dich interessieren („informational interviews“).

Frag sie konkret:

  • Wie sieht ein typischer Tag bei dir aus?
  • Welche Skills sind wirklich entscheidend?
  • Was unterschätzen Einsteiger:innen in diesem Feld?

So holst du Berufung aus der Fantasie-Ecke auf den Boden der Realitäten eines sich wandelnden Arbeitsmarkts.

Schritt 7: Eine berufliche Hypothese formulieren

Berufung ist kein Masterplan für die nächsten 25 Jahre, sondern eine gut getestete Hypothese für die nächsten 2–5 Jahre. Formuliere z.B. so:

„In den nächsten Jahren möchte ich meine Stärken X und Y nutzen, um Menschen/Organisationen Z bei A und B zu unterstützen – in einem Rahmen, der C und D bietet.“

Ein Beispiel:

„In den nächsten Jahren möchte ich meine Stärke, komplexe Sachverhalte verständlich zu erklären, nutzen, um Fachbereiche dabei zu unterstützen, datenbasierte Entscheidungen zu treffen – in einem Rahmen mit hoher Lernkurve, direktem Kund:inneneinfluss und flexibler Arbeitszeitgestaltung.“

Mit so einer Hypothese kannst du viel besser beurteilen:

  • Welche Projekte du annimmst.
  • Welche Weiterbildungen sich lohnen.
  • Welche Jobangebote wirklich passen – und welche nur wie ein Upgrade aussehen.

Wenn der Arbeitsmarkt sich wandelt – und du mit

Der Arbeitsmarkt wird in den nächsten Jahren nicht ruhiger werden. KI übernimmt Routinen, Berufe verschwinden, neue entstehen, Unternehmen bauen um. Das ist unangenehm – aber auch eine Chance, deine Berufung nicht als statischen Endzustand zu sehen, sondern als dynamischen Prozess.

Drei Haltungen helfen dir dabei:

  • Lern- statt Perfektionsfokus: Du musst nicht sofort den perfekten Job finden. Aber du solltest regelmäßig überprüfen: „Lerne ich hier noch das Richtige für meine nächste Version?“
  • Portfolio-Denken: Sieh deinen beruflichen Weg als Portfolio von Erfahrungen, Skills und Netzwerken, das du stetig aktualisierst – nicht als eine einzige Karriereleiter, die du brav hochkletterst.
  • Selbstführung: Je unsicherer das Außen, desto wichtiger deine innere Klarheit: Was ist dir wichtig? Was kannst du? Wofür willst du stehen?

Wenn du heute beginnst, deine Stärken, deinen Beitrag und deinen Rahmen genauer zu kennen, bist du dem Markt immer einen Schritt voraus – egal, welche Stellenbezeichnung demnächst in Mode ist.

Und falls du beim Lesen gemerkt hast, dass dein aktueller Job und deine Vorstellung von einer sinnstiftenden Karriere gerade ziemlich weit auseinanderliegen: Das ist kein Drama. Es ist ein Hinweis. Nutz ihn.

Starte klein: ein Gespräch, ein Mini-Projekt, ein klar formulierter nächster Schritt. Berufung zeigt sich selten mit Pauken und Trompeten. Meistens beginnt sie mit einem ehrlichen Satz wie: „So will ich in fünf Jahren nicht mehr arbeiten“ – und der Bereitschaft, heute etwas daran zu ändern.